Wiener Bürgergeschichten-Feste Feste

Natürlich gab es zu den traditionellen und überlieferten Anlässen auch in unserem Hause ein festes Feste feiern.

Man verstand sich darauf. Zu den Geburtstagen erreichte der Personenkult einen einsamen Gipfel, zumindest was meine Wenigkeit anbelangte. Sie, die Wenigkeit wurde für diesen einen Tag zur Wichtigkeit, ja zur Hauptsache oder Chefsache erhoben. Die anfangs erwähnten immer wieder-kehrenden , flankierenden Maßnahmen anlässlich dieses, zu etwas besonderem gemachten Tages waren traditionell seit der Kindheit meines Onkels und seines Bruders, also meines Vaters, als so etwas wie königlich zu bezeichnen.

Man durfte den Essensplan der gesamten Familie nach eigenen Gelüsten zusammenstellen. Man hatte den Hausherrensitz inne und bekam für dieses Tag eine Krone aufgesetzt. Alles wie im Märchen. Es war ja auch ein Märchen-Erfinder-Haushalt und schließlich war ich ja der letzte Kutzer-Ruide, wie mich mein Onkel „Bim Bam“ Ernst, der Apotheker, zu bezeichnen pflegte, wobei ich bis heute nicht weiß, woher er dieses Wort hatte. Es musste so etwas wie Sprössling bedeuten, weil ich ja das damals auch war. Bildlich, am Ast eines Märchenbaumes, zwischen sprechenden Kohlmeisen und regenbogenbunten singenden Schmetterlingen.

Nachdem ich dann in etwas späteren Jahren bemerkte, dass mein vater hinter seinem Rücken dieses ebenfalls märchenhafte und überirdische Weihnachtsgeklingel produzierte, brach eine Teilwelt für mich zusammen Der Teil meiner Welt nämlich, der aus den Legenden, den Traditionen und Riten, die in den heißgeliebten Bilder-büchern ihren Niederschlag gefunden hatten, ja für dort erst erdacht und erfunden wurden, Gestalt annahmen und so in das spirituelle Lebensbild meines kleinen Ichs aufge-nommen wurden.

In diesem Moment der Erkenntnis des irdischen Ursprungs des Weihnachtsgebimmels wurde mir auch klar, dass der Osterhase sicherlich keine Eier legte, was mir ohnehin suspekt war, da ich ja bei den Nachbarn, der Gärtner-familie, nie Eier im Hasenstall gesehen hatte, sondern nur süße, kleine, blinde, neugeborene Hasenjunge, die plötzlich da waren ohne Umweg über ein Ei.

Allerdings gab es in Großvaters Oster-Bilderbüchern außer dem eiergebärenden, latzhosentragenden Hoppel-fraumann ja auch eine andere Variante:

Osterhase bekommt Eier von den Hühnern, den braven und braucht sie nur noch zu bemalen, im Familienbetrieb, versteht sich.

Aber auch das glaubte ich ab dem Moment des entlarvten

Engelgeläutes nicht mehr, es war ein Blitzschlag der Erkenntnis. Es gab eben auch keinen Osterhasen! Basta!

Und plötzlich erinnerte ich mich an ein Weihnachten in Pforzheim und mir wurde auf einmal klar, dass der Weihnachtsmann natürlich mein Onkel Dieter war. Wieso hatte ich denn das damals nicht bemerkt.

Und es ergab sich in der Folge die Frage, was gab es denn überhaupt „in echt“, wie wir damals vage die Realität nannten.

„Als ob“ essen, wie bei Peter Pan und „in echt“.

Fortsetzung folgt

© Peter Kutzer-Salm