Markttreiben am Dornerplatz

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Markttreiben am Dornerplatz | story.one

Noch bevor der Dornerplatz im 17. Wiener Gemeindebezirk zur Betonwüste wurde – im Untergrund „aufgewertet“ durch eine Tiefgarage – gab es einen Markt unter freiem Himmel, der fast täglich allerlei - mehrheitlich frisches Gemüse und Obst - anbot.

Ich wohnte in den 1980er Jahren in der Wohnung meiner Großmutter und hatte einen guten Blick auf den Markt. Für was brauchte man mehr als 100 Fernsehkanäle, wenn die beste Unterhaltung doch so nah vor dem Fenster lag. Neben dem damals ohnedies schwach besetzten TV-Angebot (FS1 und FS2) war somit ein weiterer „Fernsehsender“ in mein Leben getreten (FS3?), der mir Einblicke in das Thema „Markttreiben“ (heute würde es im Rahmen einer „Reality Soap“ angeboten werden) gab.

Da waren zunächst die MarktstandlerInnen, die lautstark ihre Ware feilboten und manchmal schon auch einen raueren Ton an den Tag legten. Dementsprechend ist mir ein Ereignis in Erinnerung geblieben, dies damit begann, dass eine potentielle Kundin die Ware - unerlaubter Weise - berührte bzw. nach „faulen“ Stellen absuchen wollte. Es kam zu Handgreiflichkeiten, denn die Standlerin nahm – nicht lange fackelnd – ihren Schuh vom Fuß und schlug damit unter lautem Geschrei – was das eigentlich solle, ihre Ware einfach zu betatschen - auf die Kundin ein. Letztere, auch nicht mundfaul, nannte ihr Gegenüber alles, was ich hier nicht – aus Gründen des Jugendschutzes - niederzuschreiben wage.

Noch eher ich mich versah, bildete sich eine Menschentraube um die beiden und schnell waren zwei Parteien formiert, die zu der einen oder anderen Kontrahentin hielten. Offensichtlich bekamen die lautstarke Auseinandersetzung jetzt auch die in der unmittelbaren Umgebung vom Dornerplatz Wohnenden mit; denn es öffneten sich nunmehr weitere Fenster. Auch ich hatte in der Zwischenzeit das Fenster geöffnet, um das Ereignis besser mitverfolgen zu können.

Das Hin und Her der scheinbar „verfeindeten“ Gruppen hielt eine Zeit lang an, als sich dann plötzlich die scheinbar „überkochende“ Gruppe auflöste. Für mich hatte es den Anschein, als sei man/frau alles der vergangenen Tage auf diesem Weg losgeworden, den „Grant“ der letzten Zeit. Die ursprüngliche Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen war offensichtlich nur Mittel zum Zweck - denn die beiden Streitdamen hatten sich zwischenzeitlich schon längst wieder anderen Dingen gewidmet.

Offensichtlich war das „Wiener Blut“ übergekocht (auch Falco hat sich in einem seiner zahlreichen Lieder dem Thema gewidmet) und das „Goldene Wiener Herz“ etwas aus der Bahn geraten, letztlich aber ohne weitere Folgen und es blieb bei den Schreiduellen – sieht man von der Schuhattacke ab (Messer und sonstige Waffen blieben im Sack). – Jedenfalls blieb mir der Markt am Dornerplatz im Allgemeinen in lebhafter Erinnerung, der nicht nur ereignisreiche, sondern auch kulinarische Köstlichkeiten bot. Schade, dass eine Wiener Institution – zumindest am Dornerplatz – nicht mehr lebt.

© Peter Laimer 22.05.2020