Behindert Abstand Halten?

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Behindert Abstand Halten? | story.one

Abstand halten – die Aufforderung an uns alle in dieser Corona Zeit!

Schon für viele von uns „Normalsterblichen“ ist das nicht das Einfachste, weil wir es einfach nicht gewöhnt sind, ständig auf Distanz zu leben, obwohl wir ja sonst so stark auf die persönliche Freiheit und den Respektabstand Wert legen. Wie einige meiner Leser schon aus früheren Geschichten von mir wissen, arbeite ich in einem Wohnhaus für Menschen mit Mehrfachbehinderung. Seit dem 13. März 2020 herrscht auch in unserem Haus strengstes Besuchsverbot für Außenstehende und auch der Austausch unter den einzelnen Wohnungen im Haus ist auf das Nötigste eingeschränkt.

Abstand halten – und dass ist auch gut so!

Uns war von Beginn an klar, dass wir, den uns anvertrauten BewohnerInnen, die für uns alle völlig neue, noch nie da gewesene Situation auch irgendwie plausibel erklären mussten. Es ist nicht einfach, eine Bedrohung durch eine Krankheit zu erläutern, wenn keiner im Haus krank ist, wenn keiner die, gerade für unsere BewohnerInnen Sinn ergebenden, Symptome, wie Husten, Fieber und eine daraus resultierende Bettruhe aufweist. Okay, wir MitarbeiterInnen sind mit Mundschutz und Handschuhen und Desinfektionsmitteln „bewaffnet“ unterwegs, aber das kommt auch im normalen Alltag vor. Bei Pflegetätigkeiten lässt sich der Körperkontakt ohnehin nicht vermeiden und trotzdem, erklären wir immer wieder aufs Neue, dass wir Abstand halten müssen. Nachvollziehbar für viele unserer BewohnerInnen, aber was ist, wenn einmal die Sehnsucht nach den Eltern oder den Freunden erbarmungslos zuschlägt, die man schon seit drei Wochen nicht mehr gesehen hat. Das sonst so gerne praktizierte „in den Arm nehmen“ und Nähe vermitteln geht auf einmal nicht. Die Botschaft, die in dieser Lage ankommt, ist die nicht die Trostreichste: „Bleib mir vom Leib!“. Übergangslösungen müssen gefunden werden, telefonieren, gemeinsam „eine rauchen“ oder eine Tasse Kaffee trinken, gegenseitiges Trost zusprechen und die Hoffnung nähren, dass alles auch einmal vorbei sein wird.

Abstand halten – und so neue Nähe gewinnen!

Was wir alle im Haus in diesen mehr als drei Wochen gelernt haben ist, wie groß unser gegenseitiges Vertrauen ist, wie sehr sich jede(r) Einzelne bemüht, mit den oft nur schwer verständlichen Einschränkungen umzugehen. Bewohner, die sonst täglich in den Ort gehen, akzeptieren auch nach drei Wochen noch, dass das zur Zeit nicht möglich ist, MitarbeiterInnen, begeben sich nach der Arbeit in ihren Wohnungen in eine Art selbstgewählte „Heimquarantäne“, um sich nur ja nicht anzustecken und „das Virus“ ins Wohnhaus zu tragen. Das alles ohne Murren oder Beschwerden.

Abstand halten – damit wir uns bald wieder nahe stehen können!

Es wird die Zeit kommen, in der wir mit unseren BewohnerInnen über den „Corona Frühling 2020“ lachen und scherzen werden, weil wir es gemeinsam geschafft haben. Und alleine dafür lohnt es sich jetzt, den vielleicht lebensrettenden Abstand zu halten.

© Peter Schwanter