"Cabaret Voltaire"

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"Cabaret Voltaire" | story.one

Es war an einem Nachmittag im Herbst 1981, als uns mein Freund Herbert zu sich nach Hause eingeladen hat. Wir, das waren Gernot und Piet, HTL Schüler, Bernhard, der gerade bei seinem Vater eine Hutmacherlehre begonnen hatte und ich, ein Gymnasiast. Herbert, unser Gastgeber, gut zwei Jahre älter als wir, besuchte die HAK, und war in gewisser Weise unser „Vorbild“ in Bezug auf Literatur und Musik.

Er, unglaublich belesen, Jazzfan und auch mit der örtlichen, sprich „Drautaler“ Kunstszene vertraut, hatte uns in die höheren Gefilde des Lesens eingeführt. Beginnend bei Hesse, begleitete er uns zu Castaneda und Grass. Stets war er versucht unseren „Kunstbegriff“ zu erweitern und den Blick über den Kärntner Tellerrand hinaus zu wagen.

An diesem Nachmittag offenbarte er uns seine neueste Idee: Wir sollten uns von nun an jeden Samstagabend bei ihm treffen, um uns gemeinsam, über Literatur, Musik und die Kunst im Allgemeinen zu unterhalten. Um diesen Treffen auch einen würdigen Rahmen zu geben, habe er beschlossen, sein Zimmer in „Cabaret Voltaire“ umzubenennen. Das hat Herbert auch gleich mit einem selbst entworfenen Plakat, welches er Straßen seitig an seinem Zimmerfenster angebracht hatte, unserem kleinen Heimatort kundgetan.

Wir standen etwas verwundert in seinem Zimmer. Mit Kabarett verbanden wir zu dieser Zeit Lukas Resetarits und im besten Fall noch Werner Schneyder. Von einem „Cabaret Voltaire“ hatte keiner von uns je gehört. Herbert bemerkte unseren verlegenen Gesichtsausdruck und begann uns „weltmännisch“ zu erklären, dass es sich beim „Cabaret Voltaire“ um ein Lokal in Zürich handelte, quasi die Geburtsstätte des „Dadaismus“, und dass sich dort ab 1916 junge Menschen getroffen haben, die ihre Freiheit und Unabhängigkeit ausleben wollten. Das hat uns zugesagt und das „Cabaret Voltaire“ war eröffnet.

Im Laufe der nächsten Monate vergrößerte sich unsere Gruppe kontinuierlich. Über Literatur und Kunst wurde weniger gesprochen, die Themen siedelten sich recht schnell auf profaneren Ebenen an. Das wusste aber von den „außenstehenden“ Dorfbewohnern niemand und wir trugen auch alles dazu bei, dass dieser Umstand erhalten blieb. Es war einfach ein gutes Gefühl, irgendwie anders zu sein. Wir gingen zum Faschingsball, alle in schwarzen Anzügen, die Gesichter, Pierrot ähnlich, in Schwarz und Weiß geschminkt und an den Händen weiße Handschuhe. Wir sprachen den ganzen Abend über kein Wort mit den Anwesenden und verständigten uns nur mit Gesten. Wir wollten Verwirrung schaffen und das gelang uns.

Heute, fast 40 Jahre später, ist in meiner Erinnerung noch immer das Prickeln dieser Zeit zu spüren, in der uns völlig egal war, was sich 1916 in Zürich abgespielt hatte. „Dadaismus“ erinnerte uns eher an ein Lied von Trio, als an eine Kunstströmung. Nichts desto trotz waren es gerade diese Zeiten, die endgültig meine Leidenschaft für die Literatur und die Sprache entflammt haben.

Danke Herbert – Danke „Cabaret Voltaire“

© Peter Schwanter