Der zweite Aspekt

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Der zweite Aspekt | story.one

Die Story One Lesung ist jetzt schon seit zwei Wochen fix auf meinem Programm gestanden. Als ich das Hinweis Mail bekommen habe, war anscheinend die Vorfreude darauf als verborgene „Beipackwirkung“ inkludiert.

Soweit so gut, nun war er da der Samstag. Ich hatte noch Frühdienst in „meinem Wohnhaus“ der Diakonie. Irgendwann am Vormittag verstärkte sich dann die Vorfreude auf die kommenden nachmittäglichen Stunden in Linz kontinuierlich. Wie es nun einmal meine Art ist, will ich bei wichtigen Terminen immer ein wenig früher vor Ort sein. Ich muss mich „einspüren“ können, die Gedanken des Tages herunterfahren und mich im besten Sinne des Wortes „bereit“ machen. So schlenderte ich bei leichtem Nieselregen über die Linzer Landstraße und beschloss noch einen Kaffee im „Cafe Central“ zu trinken, bevor ich mich zum Thalia aufmachen würde.

Da war er dann zum ersten Mal da, der „zweite Aspekt“ der Story One Lesung. Natürlich waren es die Geschichten, die mein Hauptinteresse auf sich zogen, aber das „Wer steckt dahinter?“ das „Who done it?“ wurde immer wichtiger. Ich begann in den Gesichtern der Kaffeehausbesucher nach bekannten Merkmalen mit den Portrait Bildern der Story One Autoren zu fahnden. Könnte der am Nebentisch nicht der Autor mit dem Pseudonym sein, dass ich mir partout nicht merken konnte? Sah die Dame nicht genauso aus, wie jene Wienerin, die diese berührenden Geschichten über ihre Kindheit schreibt? Schnell wurde mir aber bewusst, dass keiner der Autoren so kurz vor der Lesung seelenruhig in einem Cafe sitzen und seine Zeit totschlagen würde. Also machte ich mich auf zum Thalia, kaufte auf dem Weg in den zweiten Stock noch einen Band mit Erzählungen von Christoph Ransmayr und so gewappnet, traf ich voll Erwartung im „Lesezimmer“ ein.

Viele waren schon da und interessiert begann ich die Anwesenden zu „taxieren“. Schnell erkannt hatte ich Martin aus Wels, weil sein Profilbild prägnant war und einen großen Wiedererkennungswert hat. Doch dann wurde es spannend. Könnte das Mariefu sein? Genauso habe ich sie mir vorgestellt. Sie sprach mich an und ich hatte wieder einen „Treffer“. Einige erkannte ich erst beim zweiten Mal hinsehen: LillyRuth, Almedina, Stelio…, und andere wieder waren mir noch völlig fremd.

Während der Lesung, als die Autoren dann nach einander auf das Podium gingen, bestätigten sich noch viele meiner Prognosen, aber bei einigen war ich komplett auf dem Holzweg.

Die wunderschönen Geschichten mit ihren individuellen Eigenarten und ihrer Lebendigkeit nahmen mich vollends gefangen. Immer mehr wuchs meine Freude darüber, zu den Geschichten nun auch die Menschen kennenzulernen. Gesichter zu den Stories zu haben. Ich konnte sie aus dem virtuellen Raum quasi in die Wirklichkeit holen und das hat viele der Texte noch einmal verstärkt.

Es fühlte sich ein wenig wie ein Festtag an und das war es schließlich auch. Mit Bauchkribbeln und Überraschungen und das alles, obwohl ich gar nicht vorgelesen habe.

© Peter Schwanter 08.03.2020