Erstgespräch

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Erstgespräch | story.one

„Was wir ihnen bieten können Herr Schwanter, ist einfach gesagt. Wir helfen ihnen dabei, eine einzige Sache, in ihrem Fall den Alkohol, aufzugeben, und dafür mindestens hundert neue Dinge für sich zu entdecken.“ Na Servas!!! Ein tolles Angebot. Offeriert von einer zierlichen, hübschen Ärztin mit braunem Haar, die sich gerade mit mir mitten in meinem Erstgespräch befand.

„Das Beste an der ganzen Sache ist aber, dass sie es alleine in der Hand haben, diese Veränderung zu vollziehen, oder besser gesagt, diese Entdeckungen zu machen. Ich als Ärztin und Therapeutin kann ihnen das nicht verschreiben, es gibt keine Lösungen auf Rezept, keine Pillen gegen die Sucht. Aber es gibt die vielfältige Unterstützung unsererseits auf diesen Weg, der sie weg von ihrer Abhängigkeit führen kann. Den Anfang haben sie ja schon gemacht, indem sie sich eingestanden haben, dass sie Hilfe brauchen, um ihrer Krankheit Einhalt zu gebieten. Sie haben mit uns Kontakt aufgenommen und sind zu diesem Erstgespräch erschienen.“

Viele Gedanken schossen mir jetzt gleichzeitig durch den Kopf. Selbstverantwortlich. Ich bin es, der das alles in der Hand hat. Aufstehen und gehen, oder sitzenbleiben und standhalten? Werde ich die acht Wochen aushalten? Was ist, wenn ich, wie schon so oft, versage?

„Ich weiß, dass jetzt ungemein viele Dinge und Fragen unbeantwortet vor ihnen stehen, deshalb werde ich einfach versuchen, ihnen einiges über de la Tour, die Therapiestruktur und unseren Zugang zum Thema Sucht und Abhängigkeit zu erzählen.“

Ich war über dieses Angebot äußerst froh, da ich ohnehin nicht wusste, mit welcher Frage ich beginnen sollte. Ich begann einfach zuzuhören, ohne Wertungen zu suchen, oder Auswege zu konstruieren. Die Stimme von Frau Doktor L. hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, und im Geiste folgte ich ihr durch die Erzählung darüber, was mich erwarten könnte.

Mit jeder Minute wurde ich sicherer, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Mir wurde klar, dass ich nicht der Einzige auf dieser Welt war, der mit seiner Sucht zu kämpfen hatte. Hier in diesem Haus gab es genug Beispiele dafür, dass es keinen Grund gab, sich für seinen Zustand zu schämen. Ich fasste immer mehr Mut, und am Ende ihrer Ausführungen war ich mir sicher, das Richtige getan zu haben. Anscheinend dürfte ich etwas verwirrt ausgesehen haben, als mich ihre Stimme aus meinen Gedanken riss.

„Ich hoffe, das war nicht zu viel auf einmal. Haben sie noch Fragen, auf die ich bei meiner Ausführung nicht eingegangen bin?“ „Äh, nein. Ja doch! Wann kann ich kommen?“ Ich war selbst über meine Spontaneität überrascht, aber es wollte einfach aus mir heraus, konnte nicht warten. „In frühestens sechs bis acht Wochen. Wir geben ihnen Bescheid“, lächelte mich Dr. L. an.

Es waren die vielleicht wichtigsten Wochen in meinem Leben, diese Wartezeit auf den Therapiebeginn und sie gingen mir gut von der Hand.

© Peter Schwanter