Hallo Leben (de La Tour 1)

  • 159
Hallo Leben (de La Tour 1) | story.one

Heute überkommt mich einfach das unbändige Gefühl, dir zu schreiben. Sechs Monate sind nun schon vergangen seit meinem Entzug, und nun möchte ich dir diese Zeit aus meiner Warte schildern.

Liebes Leben, die Möglichkeit, dass selbst du noch etwas dazu lernst, habe ich ja immer schon im Auge gehabt. Obwohl, gerade leicht war es nicht immer mit dir, mit deinen verrückten Ideen und deinem immer „Anders sein wollen“. Anders, als die anderen Leben. Aber vergessen wir die Vorwürfe und Schuldzuweisungen.

Als mir mein Chef und einige Freundinnen vor gut einem Jahr klargemacht haben, dass ich dich jetzt endlich in den Griff bekommen sollte, wurde aus meinem mittlerweile grauslichem und zersetzenden Gefühl zu dir, das mich auch körperlich und seelisch schon vollkommen durchwirkt hatte, ein warmes Erkennen der Kapitulation, die einen Neuanfang für uns zwei ermöglichen könnte. Nach dem Aussprechen der Worte: „Ja, ich mache eine Entwöhnung in De la Tour“, war mir, als hätte ich eine neue Welt erobert. Die Ängste, die Unsicherheiten, das Verheimlichen und das Lügen waren auf einmal verschwunden. Die Zweifel, wie dieser neue Weg aussehen könnte waren irrelevant, weil der erste Schritt bereits getan war. Die Erkenntnis, es alleine nicht zu schaffen, hatte mir das Tor geöffnet, um mir Hilfe zu holen.

Ich stand da und wusste in diesem Moment so klar wie nie zu vor, liebes Leben, dass du dich ab sofort radikal verändern wirst müssen. Es war mir zwar schleierhaft, wie ich dich von meinem Vorhaben überzeugen sollte, aber du musstest einfach mitziehen. Wir hatten keine andere Wahl, wir standen am „Point of no return“! Es hieß „reinen Tisch“ zu machen und in den nächsten Tagen wurde mir in vielen Dingen klar, was diese radikale Aussage alles bedeuten konnte. Es war aber die Kraft und die Überzeugung da, dass ich das alles schaffen werde und dass dieser Ort in Kärnten der Ausgangspunkt sein würde. Kärnten war und wird immer ein Ankerpunkt für uns sein, mein liebes Leben. Hier hat 1963 alles begonnen und hier werden wir unsere dringend benötigte Wende vollziehen.

Mit dem letzten „Villacher Bier“ in einem Feffernitzer Dorfgasthaus begann meine Zeit der Abstinenz, die jetzt seit 11 Jahren anhält. Es ist eine gemeinsame Zeit geworden, liebes Leben, die ungeheuer viele Dinge für uns bereit gehalten hat, von denen wir vorher nicht zu träumen gewagt haben. Ich verspüre bis heute jeden Tag aufs Neue, dass wir beide etwas Großes geschaffen haben, aber auch die Dankbarkeit und die Demut dafür, dass wir wissen, es könnte sich alles wieder auf die Sekunde ändern.

„Freund Alkohol“ hat uns nicht verlassen, er ist nicht vergrämt abgezogen. Nein, er weilt freundlich unter uns, versucht mit uns Kontakt zu halten und gibt sich gesellig und ausdauernd. Wir werden ihn auch weiterhin respektieren und seine Freundschaft nicht erwidern.

Denn sonst ist es vorbei mit uns – liebes Leben.

© Peter Schwanter 13.12.2019