Eine wahre Geschichte

Jetzt haben wir eh schon mit der Winterwerbung alle Hände voll zu tun, und dann sollen wir auch noch Geschichten erzählen. Sagt unsere Marketing-Chefin. Weil unsere Region ist ja voll von tollen Stories, meint sie. Die wachsen praktisch auf den Bäumen. Und die Stories wiederum gefallen den Gästen. Sagt unsere Marketing-Chefin. Grundsätzlich hat sie da nicht unrecht, jedenfalls wenn man die Messlatte nicht zu hoch legt, denke ich. Und gute Stories, wie sie unsere Marketing-Chefin in ihrem markanten Dialekt nennet, motivieren vielleicht jene, die noch keine Gäste sind, auch einmal in unser Hotel zu kommen. Aber es müssen wahre Geschichten sein, sagt sie jetzt. Das ist jetzt ein bisschen blöd. Ich höre zwar viele Geschichten, weil ich mich in meiner Freizeit gerne in den Wirtshäusern und Bars des Orts herumtreibe, aber die meisten davon haben mit der Wirklichkeit so viel zu tun wie ein Roman von Arthur C. Clarke. Was man sich unter einer wahren Geschichte vorstellen soll, frage ich sie jetzt. "Eine wahre Geschichte ist eine, die wirklich passiert ist", meint sie mit einem Schulterzucken. Soll ich mich auf diese Diskussion einlassen? Ich entscheide mich für ein Augenrollen. Das kennt sie schon von mir und kann es geflissentlich übergehen. Man soll seinen Vorgesetzten die Chance lassen, unbemerkt das Gesicht zu verlieren. Sagt der Tian. Eigentlich heisst der Tian Sebastian, aber seine Mutter ist Amerikanerin, und die wollte nicht, dass die Leute zu ihrem Sohn Wast oder gar Wastl sagen. "Warum müssen die Geschichten wahr sein?", fragt die Sabine jetzt unsere Marketing-Chefin. "Wenn wir sogar die Wassertemperatur und die Schneehöhe für die Morgenzeitung aufrunden", mault Gerald neben ihr. "Es ist eine Vorgabe der Plattform. Wenn die Geschichten nicht wahr sind, dann werden sie nicht veröffentlicht." Jetzt rollt unsere Marketing-Chefin mit den Augen. Auf einmal grinst sie. "Das bedeutet im Umkehrschluss, dass jede Geschichte, die auf der Plattform veröffentlicht wird, wahr sein muss." Ich bin beruhigt. Die Kollegen auch.

© Peter_Sogga