Der Rezeptionist

"Der Mord an einem Edel-Callgirl in einem Nobelhotel in Zell am See geht der Krimmler Postenkommandantin Franziska Heilmayr besonders nahe." Schon der erste Satz der Filmbeschreibung macht mich stutzig. Offenbar eine Science Fiction. Es gibt zwar viele Hotels in diesem Ort, die meisten davon liegen in der touristischen Grauzone zwischen komfortablem Lodenschick und Retro-Gemütlichkeit, aber ein Nobelhotel? So wie das Bristol, der Bayerische Hof, das Adlon oder meinetwegen das Cala di Volpe auf Sardinien? Das gibt es hier nicht. Unsere Gäste verwenden das Wort zwar gelegentlich, aber nur, um ihrem Unmut über das Kirchenglockengeläute unseres Pfarrers Ausdruck zu verleihen und dann meinen sie "No bell!" Edel-Callgirls sind mir auch noch nie aufgefallen, jedenfalls nicht bei uns im Hotel. Wie der Drehbuchautor auf diese hahnebücherne Story gekommen sein mag? Es ist mir ein Rätsel. Da beginnt das Telefon zu läuten. Ich setze ein Lächeln auf, angeblich macht das den Klang der Stimme freundlicher, und melde mich artig mit dem Namen des Hotels und meinem Vornamen, wie ich es bei der Telefon-Schulung gelernt habe. Der Mann am anderen Ende der Leitung möchte ein Zimmer reservieren. Plötzlich fragt er mich, ob wir ein Nobelhotel sind. Ich werde nervös. Wie sich dieser Mensch wohl ein Nobelhotel vorstellt? Soll ich einfach ja sagen, oder ihm doch lieber vom Alpine Lifestyle - dass wir so sind, habe ich mir von der Verkaufsschulung gemerkt - erzählen? Ich entscheide mich für letzteres. Es ist ein Fehler. Der Hörer klingt plötzlich hohl, so als hätte ihn jemand beiseite gelegt. Ich beende den Satz mit einem hoffnungsvollen "Und wir haben Sky auf allen Zimmern. Die neuesten Filme und die Champions League." Ob Nobelhotels Sky-TV haben? Wenn ja, dann reden sie vermutlich nicht darüber. Und ob ihre Gäste überhaupt Fussball schauen? Vermutlich auch nur im geheimen. Das ist dann so ähnlich wie mit den Edel-Callgirls. Plötzlich ist die Stimme wieder da: "Aber sind doch dieses Hotel, in dem der neue Krimi mit der, wie heisst sie doch gleich, na die, die einmal die Buhlschaft war, gedreht wurde? Steht auf Ihrer Webseite." Ich fühle mich wie bei einer Lüge ertappt, bin aber nicht sicher, wer lügt: Der Film? Oder die Webseite? Oder vielleicht sind wir doch ein Nobelhotel und ich bin nur zu abgestumpft, es zu bemerken? Vier Jahre an Rezeption haben ihre Spuren hinterlassen. "Ja, das stimmt", sage ich. Es klingt eher gedemütigt als stolz, vielleicht auch deshalb, weil ich schon ahne, was jetzt gleich kommen wird. "Wenn Sie schon kein Nobelhotel sind, dann gibt es wenigstens Edel-Callgirls bei Ihnen?" "Selbstverständlich", antworte ich, dabei hat unsere Chefin sogar die Erotik-Angebote im Pay-TV sperren lassen. Aber der Gast interessiert sich eh für einen Winterurlaub und dann werde ich definitiv nicht mehr hier sein. Es ist Zeit, etwas Neues anzufangen. Vielleicht werde ich ja Drehbuchautor.

(Photo: Marten Bjork)

© Peter_Sogga