Nachtruhe

  • 148
Nachtruhe | story.one

Kurz nach Mitternacht. Fenster halb geöffnet. Die Frösche in Nachbars Teich quaken um die Wette, Grillen zirpen, irgendwo schreit eine Katze. Es ist heiß. Unser betagtes Hundemädl Chili schnarcht leise vor sich hin - wir ebenfalls. Plötzlich ohrenbetäubender Lärm, eine Sirene heult direkt in unserem Vorzimmer. In Sekundenbruchteilen sitzen wir kerzengerade im Bett. Günther, mein Ehemann, flucht:" Was ist los?! Woher kommt dieser wahnwitzige Lärm?!" Ich, schlaftrunken:" Die Alarmanlage von Mama und Papa!! Scheiße! Was mach ma?" Kaum ausgesprochen springen wir beide aus dem Bett. Ich falle im Dunkeln über unser - noch immer friedlich schlafendes Hundemädl - schon recht altes und ganz offensichtlich etwas schwerhöriges Hundemädl... Günther und ich stolpern die Treppe runter und rennen - leicht bekleidet - zum Haus meiner Eltern - unserer Nachbarn, die wohl gerade tief und fest irgendwo auf einem spanischen Campingplatz schlafen. Unser Sohn Fabian hetzt uns hinterher. Nur in Unterwäsche stürmen wir ins Nachbarhaus. Wir deaktivieren die hysterisch kreischende Alarmanlage und durchsuchen jeden Raum. Helden in Unterhosen sozusagen. Bewaffnet sind wir nur mit unseren Handys, bemerke ich im dritten Raum, den ich überprüfe. Was sollen wir machen, wenn wir tatsächlich auf Einbrecher treffen? Ein Selfie?? Irgendwann wird klar, dass, außer uns Halbnackten niemand im Haus ist. Erleichtert und müde aktivieren wir die Alarmanlage wieder und wandern im Gänsemarsch zurück. Chili hat sich nicht stören lassen, schläft weiterhin seelenruhig und schnarcht was das Zeug hält. Hin und wieder wird unsere betagte Hundedame aber doch wach. Und zwar immer dann, wenn sie wieder mal gepupst hat. Das Wort "Pupsen" verniedlicht diesen Vorgang allerdings viel zu sehr. In der Zwischenzeit sind wir fest davon überzeugt, dass diese extrem übel riechenden Winde, die Chili bevorzugt in unserem Schlafzimmer in die Freiheit entlässt, konzentriert durchaus als Giftgas zu verwenden wären. Wir glauben sogar, dass wir mehrmals pro Nacht quasi in einen kurzen Zustand der Bewusstlosigkeit gepupst werden. Aus diesem Grund haben wir uns jetzt mit Raumsprays bewaffnet. Jeder von uns hat eine Auswahl davon auf seinem Nachtkästchen stehen. Sobald sich nun eine der berühmten Chili-Duft-Wolken auf uns zubewegt, greifen wir, laut fluchend zu unseren Sprays und versuchen - bevor wir ihn Ohnmacht fallen - noch schnell einmal in die vermutete Richtung des Angriffs zu sprühen. Das Fazit der Geschichte: Chili lässt sich ihren Schlaf selten von Alarmanlagen rauben. Den Gestank ihrer eigenen Pupser findet sie aber unangenehm und verlässt deshalb auch gerne mal den Raum. Oder verlässt sie den Raum, weil ihr unser hektisches, von röchelnden Atemgeräuschen und lautem Fluchen begleitetes mit Raumsprays-Herumgesprühe auf die Nerven geht?

© Petra Perger 11.10.2019