Ausreißen, ausreisen

Eine unterschätzte Rolle spielt unser seelisches Leben allemal, und dies nicht einmal nur in unserem eigenen Leben. Wir spüren nur zu oft plötzlich Wellen an positiven und negativen Gefühlen, heute kurzum als "Vibes" bezeichnet. Das und eben meine herabgezogenen Mundwinkel waren wohl oder übel der Grund, warum ich an diesem doch sonnigen Tag oftmals auf meine trübselige Miene angesprochen wurde.

Nun, freundlich ausgedrückt, fand ich das nicht gerade großartig. Ich hatte doch so schon genug mit mir selbst zu schaffen. Ich sagte, ich hätte einfach nicht den besten Tag und - doch - war ich zugleich von mir selbst und meiner Unzulänglichkeit enttäuscht und fragte mich: Ist gespürt gleich erlebt, oder gibt es auch eine rationalere, vernünftigere Art des Erlebens, die sich weniger auf individuelle und fehlbare Empfindungen stützt?

Ich stand also merklich neben mir. Gewiss: Die Zeit, in der wir leben, weist uns als solche ja kaum noch in Schranken.

Darum rennen wir, rennen um unser Leben und um den Inhalt eines formalen Lebenslaufs. Wir alle waren nicht mehr als müde Rabauken, und unser Geist verlangte nach Ruhe; nicht unser Herz. Das Herz möchte gerne andauernd höher schlagen. Dies ist aber nun rein mathematisch gesehen nicht möglich, weil "höher" eben auch beweist, dass es auch eine "Normale" gibt. Wenn das Herz nur im Unterricht besser aufgepasst hätte. Aber es ist von all unseren Organen das Verträumteste und das Nachdenklichste. Es muss nun unter seiner einstigen Naivität leiden.

Und es schlägt zurück. Es ringt um so etwas wie Ewigkeit. Es hält inne, und versucht sich den anderen Herzen konform zu gebärden. Zum Beispiel sammelt es Zeit. Hat man sich Zeit zusammengespart, schmeißt man sie sogleich wieder aus dem Fenster. Damit bindet man sich an etwas anderes als an Gesetze oder Vorgesetzte. Einer baut eine enorme Ich-Bezogenheit auf. Diese bedrängt einen wie sonst etwas. Wir lechzen nach Abwechslung, auch ich; mich schlauchte ein Erwachen in allzu geborgener Umgebung meist. Ich brauchte doch nicht mehr als EINE gute Freundin oder einen besten Freund, dem ich trauen konnte, dann konnte um mich die Welt noch so bedrohliche Ausmaße haben - Ich mochte dieses Chaos, die Abmachungen, die auch noch galten, wenn ich mich nicht an alle Teile zu halten schaffte, die Nachlässigkeit auch der anderen, überhaupt: Alles, was uns an Macken einte.

Ein bisschen ist es geradezu wie ein Taumel, wenn man sich am Zenit seiner jugendlichen Tatkraft erkennt. Man kann schon in eine Art Wahn verfallen, und vielleicht ist "Wahnsinn" auch der bessere Ausdruck für alles, was man in diesem Taumel tut.

Viele, noch so "tolle" Liebesgeständnisse würden nackt wohl eher Misstrauen schaffen. Also lieber in Erinnerungen schwelgen und auch mal an die Sehnsucht auf all den Abenteuern denken. Ist sie nun erfüllt oder nicht, es wird zumindest nicht mehr von ihr fortgelaufen... Denn noch mehr als von der Vergangenheit bin ich wohl vor der Zukunft geflohen, damals.

© Petra Stoppacher