Dein Fernbleiben; was ich daraus lernte

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Dein Fernbleiben; was ich daraus lernte | story.one

Wie lange Zeit du weg warst. Wie grau war da mancher Tag. Grau wie ein schlechtes Omen. Wiederum hatte sich unser Treffen scheinbar ohne Ankündigung in die ungewisse Zukunft verschoben. Mein Abend war damit vergeigt, und ich selbst trug Schuld daran. Der Abend war schon zu diesem Zeitpunkt elendslang geworden und ich wurde mir selbst zum Opfer; meinen Abgründen, die unbewusst andere Abgründe auszumachen suchten, und zu diesem Zeitpunkt auch in einigen meiner vermeintlichen "Freunde" gefunden hatten. Gewiss, ich hatte noch im Hinterkopf, wo ich hingehörte: zu dir; aber es entschwand mir in den entscheidenden Momenten, so dass ich mich in meinen verzweifelten Leidenschaften für diejenigen, die auf mich eigentlich herabsahen, verlor.

"Weh tut's Leben", klagte ich unter Tränen und legte meinen Kopf in den Nacken, als würde ich den Regen schlucken wollen, ihn im Rachen spüren. Wo warst du, mein Augenstern, mein Lieblingston? Ohne die Stimmung meines sozialen Umfeldes noch mehr drücken zu wollen, ergab ich mich dem Schicksal der Nahbarkeit: Ich kapitulierte, was auch immer das bedeuten mochte. Es schien mir richtig, das ist letztendlich der Punkt.

Lange Zeit sah ich alles, aber habe nichts gesehen, was einen Unterschied gemacht hätte. Der Tunnelblick ließ mich erschaudern. Das Leben kann hart sein, wenn man keine weichen Momente teilt; ja.

Vielfach resultierte daraus ein Rückzug ins Private: gegenwärtig nicht nur ein persönliches, sondern ein allgegenwärtiges Phänomen. Wir träumten wohl alle miteinander. Wer konnte schon sagen, wer wusste schon noch, wo die Realität verpufft. Sie ist sehr wage geworden, in Wirklichkeit zu klein für unsere immer größeren Ansprüche. So sind wir ideenschwangere Traumtänzer mit Hang zu intellektuellen Ergüssen, anstatt wie bewährt Taten sprechen zu lassen. Wir hören nicht auf, uns an unseren Träumen zu versuchen, so tief sie uns auch fallen lassen.

Ist es so schlimm außerhalb unserer Comfort-Zone? Natürlich nicht. Nicht schlimm. Aber vielleicht zu kalt. Diese Sorge ist berechtigt, wenn man schon einmal erlebt hat, wie sich Rücken an Rücken zu einem dreht, ganz so als überreden einen diese Rücken einen dazu, (darauf) zu schreiben, anstatt laut zu werden. Und das ist noch positiv gesehen.

Nur nicht zu sehr auf Konfrontation gehen, lautet die Devise - denn Zurückweisung ist kein Einzelfall. Wer hängt schon noch "wo mit drin", wer "teilt seine Erlebnisse"? Eine Armee der Einzelgänger ist auf der Ebene der Ignoranz bedrohlicher als eine Gruppierung von Sturköpfen, denke ich. Wohl wissend, dass auch die Sturheit Konfrontation undenkbar macht. Immerhin ist sie verlässlicher als das so oft abgewandte Einzelgängertum, das sich mehr und mehr breit macht. Denn die Sturköpfe können einander korrigierende Rückmeldungen geben, während die Einzelgänger auf ihren falschen Fährten weiterirren.

"Wenn ich Du wäre..." ist zwar wirklich ein nervtötender Satzanfang, aber ein konstruktiver.

© Petra Stoppacher 21.09.2019