Gestalkt

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Gestalkt | story.one

I don't know you, but I want you all the more for that. Der Anfangsvers aus "Falling slowly" von Glen Hansard und Marketa Irglova geht mir heute seltsam nahe. Neben all den SMS- und WhatsApp-Nachrichten, die mich über den blanken Bildschirm meines Smartphones erreichten, halte ich nun auch einen handschriftlichen Brief in Händen.

Ein seltsames Dokument meiner Gedankenlosigkeit, meiner Gutgläubigkeit, oder aber ein Spiegel. Denn mal ehrlich, ich bin doch keinen Deut besser als der Verfasser dieser Zeilen!

Eines Tages werden meine mich nun quälenden Gedanken sich wieder trotz ihrer Dichte ergründen lassen. Doch heute ist da ein dumpfes Empfinden in der Mitte meines Schädels, welches sich gleichmäßig über meinen gesamten Körper ausbreitet. Ich versuche noch immer, zu lächeln. Später werde ich sogar über den Brief lachen können. Doch insgeheim habe ich große Angst. Angst, mein Gesicht hier zu verlieren. Ich ertappe mich dabei, dies an den Verfasser der Zeilen zu formulieren: "Immer, wenn du mir schreibst, oder, nachdem ich weiß, wie du denkst, auch schon bei deinen Blicken."

Kriegt das mal in euer limbisches System: Stalking ist wirklich alles andere als ein Kinderspiel; es ist kein Spaß, wird es auch als solcher gehandhabt. Man soll so weitermachen, als wäre nichts - und weiß zugleich, dass für jemand anderen so ziemlich alles passiert, und man es nur als Außenstehender nicht sehen kann. Man selbst hat vulgo noch die beste Möglichkeit, sich Einblick zu verschaffen, nachdem man hier das Ziel darstellt. Begreift man dann jedoch die Dimension der Einbildungskraft des anderen, fühlt man sich noch viel machtloser, als hätte man gleich weggeschaut. Man fühlt sich wie eine Puppe; oftmals weiß man gar nicht, was einem von einem ehrlichen Gespräch mit dem Stalker abhält - warum man die Sache nicht auf altmodische Weise selber regelt.

Stalker sind blind - vor Wut, Liebe... sie sind jedenfalls weit beduselter, als manch großer Poet es dank seiner ausgeprägten Fantasie ist. Und sie tun sich damit im Gegensatz zu den Dichtern sehr schwer im Leben. Nachvollziehbar?

Ist man wirklich so belustigt, wie man sich nach außen gibt? Nein, man hat nebenher auch üble Gewissensbisse. Wenn man nun das Stalking-"Opfer" ist, so rückt der Verdacht nahe, man wäre Gift in der Seele eines anderen. Man grinst unumgänglich bei dem Gedanken, was man wohl da einem quasi Fremden bedeutet; es ist aber ein verzweifeltes Grinsen.

Reumütig versucht man, sich abzulenken. Man lebt in der Hoffnung, würde man selbst möglichst Weniges mit der üblichen Selbstbezogenheit tun, würde, wohl auch der andere endlich damit aufhören, sich auf einen zu beziehen. Nebenher hört man sich fremde Meinungen zu der Sache und wundert sich, wie viele Leute plötzlich eine eindeutigere Meinung als man selber hat. He, ist das nicht immer noch meine Sache? "Unsere" Sache? Bin ich eine Verräterin? Das ganze Elend wird greifbar, sobald man selber einen Teil davon verursacht. Wollte ich das?

© Petra Stoppacher 26.05.2019