Mein Jugendschwarm

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Mein Jugendschwarm | story.one

Voll verliebt und Verkörperung des Chaos. Das war ich mit 20. Somit wollte manch intelligenter Freund mir nur zu gerne bei meinen hochgerühmten Abenteuern Gesellschaft leisten. Schön... mir reichte einer, und das war er. Ich hatte einen festen Plan, nämlich seine Vertraute und Gespielin zu werden und interessant für ihn zu sein.

Er hatte Interesse, nämlich echtes, ehrliches Interesse, auch erst lernen müssen; es ist viel leichter, dieses zu heucheln, als es sich - als auf Gegenseitigkeit basierende Praxis - anzulernen. Doch Intuition führte ihn zu den Experten dieser Praxis; sie beherrschten diese Kunst, wurden seine Lehrmeister und schafften es nach und nach, auch sein Herz zu erweichen, worauf er selbst begann, es ihnen gleichzutun und eine prophetengleiche Laufbahn aufnahm.

Eine runde Sache für ihn... er, dessen Ecken und Kanten mir mehr zugesagt hatten, als es seine Friedliebigkeit tat. Vorerst fand ich diese natürlich super. Das Lachen perlte von mir ab und um mich herrschte Harmonie, wann immer ich seine Gegenwart spürte. Er war der, um den sich bei mir alles drehte. Mein Mittelpunkt. Nicht selten fühlte ich mich jedoch durch ihn in meinen - anderen - moralischen Grundpfeilern erschüttert. Da tauchte plötzlich Reue auf: Wie viel Liebe hat meine Familie über die Jahre ineinander investiert, aber vielleicht zu wenig davon auch nach außen getragen?! War ich unfair?

Es gab diese Basis, dass wir einander in diesem Licht sahen, das Verborgenes ausleuchtet... aber dies auf eine vorsichtige, einfühlsame Art und Weise tut. In seinen Armen war ich plötzlich ich, oder besser gesagt, wer ich glaubte zu sein. Bis ich bemerkte, dass ich für ihn noch immer nichts weiter als ein Trostpflaster war, hatte es daher lange gedauert; man war schon ungeduldig mit mir geworden.

Heute noch sehe ich ihn mit Worten mein Lächeln erwidern. "Ich bin es, deine ehemals Vertraute und Gespielin. Uns beiden wird wiederum bewusst, wie keck und wie katzenhaft eitel wir sein konnten im Angesicht des anderen, und wie furchtbar zahm wir ohne des anderen Begleitung geworden sind, über die Jahre." Man kann hiervon durchaus als von einer emotional aufgeladenen Situation sprechen, die ich mir ausmale. Aber vielleicht käme es auch ganz anderes? Ein weiteres Szenario kann ich mir vorstellen:

Er taucht auf einmal wieder in meinen Träumen auf und ein paar Wochen darauf halte ich es nicht mehr aus und muss ihn anrufen und es treibt mich sogar an seinen Aufenthaltsort.

Ich entlocke ihm ein paar Silben, aber bereue zugleich wieder, ihn dazu gebracht zu haben. Mit jedem Wort tritt mehr Alkohol aus seinem Mund; Duft oder Gestank – alles ist relativ. Manchmal macht der Alkohol auf eine plumpe Art liebestrunken, manchmal aber scheint mir sein übermäßiger Konsum auch schlicht wie ein Ausdruck von Gier. Ich erkenne ihn hinter dieser Bier-Maske kaum wieder. Ich will wieder seine unverdünnte Nähe atmen, doch es ist mir hier nicht vergönnt.

Das könnte auch passieren.

© Petra Stoppacher 24.08.2019