Sehend

Ich war in meiner Jugend oftmals rettungs- und heillos verliebt. Ich war damals völlig erstarrt und wagte keinen einzigen Atemzug mehr zu machen, ohne die Furcht, mein Ein und Alles zu verlieren. Es war eine unmögliche Lage, in die mich meine Obsession gelenkt hatte. Ich hatte die Augen fest verschlossen. Eine Zeit lang mochte das gut gehen, aber es war kein Zustand für eine, die mit vielen schönen Bildern im Herzen groß geworden ist und diese doch so gerne in ihre Gegenwart übertragen würde.

Also nahm ich Abschied, Abschied von meinem alten Leben, und allem, dass es mir so reichlich gegeben hatte. Man mochte es von außen nicht erkennen, aber es verlangte mir durchaus viel Mut ab. Vor allem machte es mich fertig, wie sehr ich neben meiner blinden Verliebtheit auch den, dem sie galt, aufgeben musste. Es fiel mir schwer. Fragt Mütter, die ihre Kinder hergeben müssen. Fragt Geschiedene. Fragt am besten gar nicht. Man sieht es dann, es ist ein unumgängliches und herzerschütterndes Szenario.

Denn wie ein Wirbelwind und zugleich fester Dreh- und Angelpunkt des Ganzen: War er mir entgegengekommen. Strahlend, aber nicht greifbar. Und das hatte seine guten Gründe, die vielleicht weniger bei ihm, und mehr bei mir selbst lagen. Er hatte mich erleuchtet, und, Gott weiß, er hatte es mir leicht gemacht. Ich hatte mir dennoch zu schwer getan und das war wohl der eindeutige Beweis dafür, dass ich ihn nicht haben konnte. Meine ganze Jugend, demnach ein kompletter Wahnsinn. Auch, oder vor allem wegen meiner Affinität fürs andere Geschlecht. Sich das einzugestehen bringt immer viele tiefsitzende Selbstzweifel zutage, mit denen man erst einmal gar nicht umgehen kann, schon gar nicht der, in den man blind verliebt gewesen ist - er kennt einen, und er kennt einen nicht. Es ist, wie manche Menschen eben nicht so gut mit Tieren umgehen können. So können diese Angebetenen oft kein bisschen begreifen, was man ihnen gab und für sie zu opfern bereit war. Für sie war man halt einfach da. Nicht, dass ich die Schuld damals auf ihn übertragen habe. Nein, ich habe bloß das Wesen der einseitigen Liebe verstanden.

Wahre Liebe hingegen offenbarte sich mir weniger als ein Wahn als als eine Entscheidung.

Freundlich sah mir das Wesen entgegen, dass ich erwählte. Es war in einer Form der Erstarrung befangen... ärmlich, und doch vertrauensvoll. Naiv, mochte man schnell schließen. Aber das Wesen war weiser, als man es ihm ansah. Und mein von einigen irrationalen Erfahrungen geläutertes Inneres wusste das, irgendwoher. Ich war nicht die einzige, die so dachte. Ohne einen kleinen Kampf hätte es auch ihn für mich nicht gegeben. Ich sah mir meine Konkurrentin an und wusste, was sie wusste. Sie räumte dann auch das Feld. Denn dass wir beide, er und ich, auf menschlicher Ebene richtig gut zusammenpassten, das spürte man tief drinnen, wenn man seinen Worten das Gewicht verlieh, dessen diese nur zu leicht entfleuchten.

Es brauchte Geduld, um dieses Wesen zu öffnen.

Doch die hatte ich.

© Petra Stoppacher