Stadt Land

Manchmal weiß ich echt nicht, wohin ich mich wenden soll, ohne dabei aus dem Rahmen zu fallen. Stichwort "Stadtleben". Da ich keine halben Sachen machen wollte, hab' ich, das Landmädchen, ja zumindest versucht, mich darauf einzulassen; es war mir aber zu kompliziert.

Vielfach hat sich ein Abgrund aufgetan, ein etwas anderer Sturzpunkt für die, die sich spüren wollen. Sie versammeln sich in Scharen um die Abgründe, ganz so als wollten sie in deren Tiefe etwas erspähen. Ist es ein Gewässer, welches sie spiegelt? Oder haben sie etwas verloren? Auf jeden Fall dürfte es Sehnsucht sein, die sie verbindet, und die sie wieder voneinander trennt, wenn einige von ihnen abrutschen und in den Abgrund fallen.

Ich habe Angst, zu fallen, denn ich bin selbst ein bisschen geschwächt, ein bisschen hat mich dieser lange Tag - und der davor und der davor - niedergerungen. Nicht dass ich mich verausgabt hätte, aber ich habe mich oft beherrschen müssen, nicht vor lauter Engstirnigkeit um mich herum zu platzen. Ich denke, das ist, was die Einsamkeit mit den Leuten macht: Sie nimmt ihnen die Chance, fremde Perspektiven auszutesten. Das ist vielleicht gemütlich, aber ätzend.

Ich weiß, auch ich bin intolerant, aber was soll ich tun, wenn sie ihren Hass so offen zeigen - ich hasse Hass, ich hasse Böswilligkeit. Es gibt nichts, was mich mehr erschöpft, als diese aus nächster Nähe begreifen zu müssen.

Muss man gut leben, um gern zu leben? Was gaukelt uns das falsche Leben im echten eigentlich bloß vor; und was davon kann man noch glauben?

Ich bin mit meiner philosophischen Ader durchaus für "dein" Stadtleben geeignet. Aber ist das genug, irgendwo hinzupassen? "Du bist kein Jäger, sondern ein Gejagter deiner eigenen Triebe," spricht da die Stimme des nagenden schlechten Gewissens erbarmungslos. Und sie hat Recht, denn indem wir unseren Individualismus einmal ausblenden, werden diese Zwänge sichtbar, die uns nach wie vor fremdbestimmen.

Dir geht es schlecht. Meine Befindlichkeit ist nur momentan - deine scheint ausweglos.

Was ist das, wovon du dich so dermaßen ins Straucheln bringen lässt? Worin liegt deine Schwäche, ist sie dir peinlich? Ein peinlicher Moment ist ein peinlicher Moment, nicht mehr. Scham gehört letztendlich dazu. Allzu viel Peinlichkeit aber entreißt einen seiner gesellschaftlichen Hemisphäre. Man fängt an, sich abzugrenzen. Für viele unmerklich, aber für alle spürbar. Man "erschlaut".

Bevor du dich vor lauter Schlauheit umbringst, möchte ich etwas mit dir unternehmen.

Komm', wir wollen es wieder gut machen. Was schief gelaufen ist, muss nicht im Vordergrund stehen. Du sagst, du hättest das Gefühl, versagt zu haben? Was soll ich dazu sagen? Ich finde, du hast auf ganzer Linie vieles richtig gemacht.

© Petra Stoppacher