Vor lauter Langatmigkeit zu kurz kommen

Ein wenig bereue ich es, kein Kind mehr zu sein. Als selbstständige Person brannte es mir unter den Fingernägeln, jemandem mein Leid zu klagen, zugleich aber war ich wie gelähmt. Blieb mir also nichts als Trübsal zu blasen. Jeder neue Tag gebiert neue Chancen, habe ich gelernt, und bis zum Morgen zu warten fällt mir dennoch schwer.

Früher hatte ich ein anderes Laster: Aus Bequemlichkeit leitete sich nicht selten die mir nur zu bekannte „soziale Völlerei“ ab. Sie lenkt ab, diese ständige Bedachtheit, durch gewisse eigene Vorzüge unnötig hervorzustechen. Sie gibt Sicherheit. Und sie ist eben vor allem eines: bequem, auch wenn man das eine oder andere Mal freundlich gerügt wird dafür. Nach einem schlichten, anstrengenden Tag ist man bloß müde; war der Tag jedoch überladen, geht einen abends dann manch lebensmüder Gedanke an, ganz als ob man sich am starken Tag, der solche Zweifel in seinem Verlauf nicht aufkommen ließ – auch nicht die Zeit dafür hatte – revanchieren will, indem man ihn nicht gehen lassen will. „Nimm‘ mich mit!“, ruft man ihm nach und schaukelt höher als der Wind und springt vom Schaukelbrett.

Als ich nicht mehr höher springen konnte, begann ich, mich außer für mich selbst auch für den Rest zu interessieren. Was war ein verschwendeter Tag? Ein Tag, der glatt abläuft, ohne dass man sich stößt zum Beispiel, ist der verschwendet? Ich denke an Peinlichkeit. Peinlichkeit macht alles Feine nichtig.

Also Spieglein, an der Wand...?

Es ist oft nicht einfach, jemandem oder etwas mehr Beachtung zu schenken, ohne dass es dabei seinen besonderen Reiz einbüßt. Oder gar Angst macht. Ich war im Folgenden ganz oft unsicher. Es war unsagbar schön, all das, was sich mir bot; bewohnt von Geräuschen und von sanften Nuancen, wenn man genauer hinsah und hinhörte. Nichtsdestotrotz hatte ich Angst vor diesem Ungeheuer namens Leben, denn auf den ersten Blick schüchterte es ein, und diese Angst erhielt sich noch lange Zeit in meiner Brust.

Doch ab und an lohnt es sich, die eigene Schüchternheit abzuschütteln; da perlt das Lachen von mir ab und um mich herrscht Harmonie, die ich allein nie erleben hätte können. So hat es immer schon sein sollen, aber eben erst dann, wenn ich auch bereit war, diese Leichtigkeit zu empfinden. Das hat gedauert, aber seit der Moment eingetreten ist und langsam wie ein steter Tropfen den Stein erweicht, ist alles gut, wirklich alles gut.

Und da denkt man sich doch; wie hat man sich dorthin entwickelt, wo man ist? Was hat sich alles getan, bis man bereit war, das zu tun, was man heute um seines eigenen Glückes willen tut? Ein wenig Zweifel gehört zum Glück dazu. Sonst empfindet man es eher als Selbstverständlichkeit denn als Glück. Und am Ende kommt dann ein gefühlvoller Abschied. Am Ende hat ja nichts im Leben mehr Gewicht. Alles "Gewichtige" ist wertlos, wenn man diese Erde verlässt, und es bleibt nur alle Leichtigkeit übrig, die zuvor unbemerkt zwischen den Tagen verschwand und die jetzt leuchtet wie Neonlicht in der Nacht.

© Petra Stoppacher