Nachts am Fenster

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Nachts am Fenster | story.one

Da stehe ich wieder, nachts allein am Fenster. Alles ist finster, alles schläft. Nur ich nicht. Mein Herz klopft aufgeregt, meine Augen suchen in der Dunkelheit Scheinwerfer. Ich lausche, ist da ein Geräusch zu hören? Kommt sie? Ist sie endlich da? Nein, das Auto fährt vorbei. Aber jetzt, das nächste Auto das ankommt, das wird sie nachhause bringen. Jedoch hält es nicht an, es fährt einfach weiter.

Mein Gedankenkarussell dreht sich. Was ist, wenn ihr etwas passiert ist? Was wird aus mir, was wird aus uns? Diese Angst lässt mich nicht los. Diese ist stärker als die Vernunft, bei meinem kleinen Bruder, der selig in seinem Bettchen schlummert, zu bleiben. Ich ziehe mich lautlos an, trotz Dunkelheit weiss ich, wo ich was finde und suche Münzen in der ganzen Wohnung. Das Geld ist immer knapp, aber ein bisschen Kleingeld ist zu finden. Ich hole das Fahrrad aus dem Schuppen und bei jedem Schritt hoffe ich, dass ich das erlösende Scheinwerfer Licht in der Ferne sehe. Sie nachhause kommt. Ich überlege mir, wie ich es erkläre, dass ich wach und angezogen mit dem Fahrrad dastehe. Aber sie kommt nicht. Ich fahre die bekannte Strecke zur nächsten Telefonzelle. Wälze dort angekommen das Telefonbuch, kann die Telefonnummern in dem schwachen Licht, das von vielen Mücken umschwärmt wird, kaum entziffern. Aufgeregt werfe ich die Münzen in den kleinen Schlitz und hoffe, es reicht. Ich wähle die Telefonnummer vom örtlichen Krankenhaus. „Hallo, ist eine Frau D. eingeliefert geworden?“ frage ich mit zitternder Stimme. Niemand hinterfragt meinen Anruf, wird aufmerksam auf meine kindliche zitternde Stimme. Es wird mir nur gesagt, ich solle kurz warten. Das erlösende „Nein“ beruhigt mich für einen Moment. Dann erfasst mich der nächste Gedanke, was wenn sie mittlerweile zuhause angekommen ist und merkt, ich bin nicht da? Also trete ich in die Pedale, beim Haus angekommen, weit und breit kein Auto – und sie somit auch nicht. Also sitze ich wieder am Fenster und warte. Mir fehlt mittlerweile jegliches Gefühl für Zeit und Raum.

Irgendwann kommt sie. Schleicht lautlos in das Haus. Sie sieht mich nicht am Fenster, ich liege mit der Decke zum Kinn gezogen im Bett und stelle mich schlafend.

Am Morgen höre ich „Weibi, auf dich ist Verlass, du bist brav. Dich kann man gut allein lassen mit deinem kleinen Bruder“.

Worte einer Mutter zu ihrer 10jährigen Tochter, die es nie wagt ihre Ängste und Sorgen auszusprechen, die sie nachts durchlebt, wenn sie alleine ist.

© PetraBrigitte 30.06.2020