An der Hotelbar

Beim Betreten der Hotelbar schwelge ich sofort in Erinnerungen, als wäre mein erster Besuch hier erst gestern gewesen. Die Hotelbar im Herzen Wiens. Die Stadt, der ich vor genau 19 Jahren mein Landleben geopfert habe und die seither meine geliebte Wahlheimat ist.

Damals als frischgefangenes Landei wollte ich an meinem ersten Ausgehabend in der Stadt brillieren und zeigen, dass ich einem Stadtleben würdig bin. Dazu eignete sich die bevorstehende Firmenfeier hervorragend.

Da ich damals von Kleidern nur mäßig zu begeistern war, was sich vor allem in meinem Kleiderschrank zeigte, fiel meine Wahl auf den marineblauen Hosenanzug. Dafür gab ich mir dann mit Make-up und Frisur umso mehr Mühe. Die gute Laune meiner Begleitung beschwichtigte mein Kleidungsproblem sofort und ich war bereit für meine erste Partynacht in der Großstadt.

Als Neuling in der Firma musste ich unzählige Hände schütteln, Namen merken und Gin Tonics trinken. Letzteres war allerdings Liebe auf den ersten Schluck. Und so kippten wir ein Gin Tonic nach dem anderen und je später der Abend desto leerer wurde die Location und ich fand mich zur späteren Stunde lässig flirtend an der Hotelbar wieder.

Der Barkeeper brachte mir mein geschätzt 20. Glas Gin Tonic auf Firmenkosten und stellte vor mir ab mit den Worten „Könnten Sie dann bitte gehen, Sie sind die Letzte“.

Mein Blick schweifte durch die Bar und tatsächlich war ich der letzte Gast auf der Firmenfeier, gefühlt jedoch nicht mehr ganz alleine.

So trank ich auch dieses Glas noch aus und machte mich auf den Weg Richtung Ausgang.

Kurz vor dem Ausgang entdeckte ich das Portiertelefon, was sich als Glücksgriff entpuppte, da ich just in dem Moment meine Freundin anrufen wollte und Mobiltelefone damals zwar schon am Markt, aber dennoch nicht als ständiger Begleiter fungierten. Ich wählte also die Nummer einer Freundin aus Salzburg um ihr meine immens wichtige Nachricht auf die Mobilbox zu lallen. Vor dem Auswärtsschwung Richtung Straße bemerkte ich, dass die Rezeptionistin Gesprächsbedarf hatte. Ich wandte mich zu ihr, wobei mein Blick auf den Magazinständer vor der Rezeption fiel. Ich nahm kurzerhand von jedem Magazin ein Exemplar mit und verabschiedete mich, ohne der Dame hinter dem Tresen noch weitere Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich musste wirklich schmunzeln, als ich gestern in der Hotelbar an meinem Gin Tonic schlürfte. Vorsichtig schweifte mein Blick durch die Bar, ob womöglich noch irgendwo ein Fahndungsfoto von mir an der Wand hängt. Ich dürfte die Prüfung bestanden haben, nachdem der Barkeeper beim Bezahlen fragte, ob ich morgen wieder abreise oder noch länger in der Stadt bin. Ich denke nach 19 Jahren bin ich schon zu tief verwurzelt und alte Bäume soll man ja bekanntlich nicht mehr verpflanzen.

© Petronella