Die Fahrprüfung

Mein Vater wartete fieberhaft auf meinen Anruf, ob ich die theoretische Prüfung bestanden hatte. Wochenlang sind wir mit dem L-Taferl durch den Pinzgau gefahren, hunderte Kilometer, unzählige Male parallel eingeparkt und stundenlanges Rückwärtsfahren. Letzteres war für mich die mühsamste Übung. Wir fuhren einen schier endlosen Schotterweg entlang. Vorwärts wurde abruptes Abbremsen und langsames Anfahren geübt. Am Ende des Schotterweges galt es diesen dann rückwärts zu meistern. Also Oberkörperdrehung und Hand auf die Kopfstütze des Beifahrersitzes. Nach nur 1 Kilometer war mir vom Schulterblick dermaßen übel, dass ich die Übung abbrechen wollte. Aber mein Vater blieb hart – schließlich kann man kilometerlanges Rückwärtsfahren immer mal brauchen.

Die Theorieprüfung war kein großes Problem, weshalb nun der Praxisteil an der Reihe war. Ich fühlte mich recht sicher und so ging ich selbstbewusst zum Auto und nahm sofort am Fahrersitz Platz. Mein Vater folgte mir mit dem Fahrlehrer, bereits vertieft in einem Gespräch. Als sie näher kamen hörte ich, wie der Fahrlehrer meinte: „Bevor wir losfahren, schauen wir doch mal in die Motorhaube“. In diesem Moment wich die rosige Gesichtsfarbe meines Vaters, hatten wir uns im Vorfeld nicht sonderlich mit dem Inhalt unter der Motorhaube befasst. Ich ließ mir diese Unwissenheit nicht anmerken und stieg aus dem Auto aus. Der Fahrlehrer, der auch bei meinem Theorieteil in der Prüfungskommission saß, meinte dann aber: „Ah nein, sie hatten ja das Lenkspiel – zeigen sie mir das“. Mein Vater wurde immer blasser und er dachte sich: "Da wäre doch die Motorhaube besser gewesen, da hätte sie schon was gefunden. Aber was um Himmels Willen ist ein Lenkspiel?"

Ich konnte mich jedoch erinnern, dass dies kurz im Lernbuch beschrieben war, setzte mich wieder auf den Fahrersitz, kurbelte das Fenster runter und bewegte das Lenkrad hin und her, wodurch sich die Reifen bewegten, was mein Blick aus dem Fenster bestätigte.

Der Prüfer war zufrieden, mein Vater völlig perplex und es konnte losgehen. Während der Fahrt begann es zu regnen und so war meine Sicht beim Rückwärtseinparken etwas eingeschränkt. Mit mehr Gefühl als Sicht konnte ich dies jedoch gut meistern und der Fahrlehrer meinte, dass wir nun zurückfahren können, allerdings den Rückweg durch den Tunnel. Nachdem die Scheiben vom Regen schon sehr beschlagen waren, betete mein Vater, dass ich im Tunnel nun doch auf die Idee komme, die Lüftung einzuschalten. Ich fuhr allerdings unbeirrt weiter. Im Tunnel traute sich mein Vater weder zu sprechen noch zu atmen, damit die Scheiben nicht weiter beschlagen, was wie durch ein Wunder nicht passierte.

So wurde die offenbar fehlerfreie Fahrt vom Prüfer gelobt und der Führerschein war gesichert, mein Vater mehr als erleichtert und ich sehr glücklich. Ich warte allerdings bis heute auf die Gelegenheit mit dem Auto in einer engen Straße nicht mehr wenden zu können, um den Weg dann rückwärts zu bestreiten.

© Petronella