Rod, der Retter

  • 255
Rod, der Retter | story.one

Ich bin müde. Erschöpft. Den ganzen Tag sitze ich schon am Steuer. Die Straßen sind ewig und gerade, trostlos und einsam. Hinter dem Bankett begann die trockene, heiße Wüste Südkaliforniens. Ich fahre und fahre, treibe den Wagen weiter und weiter, immer mit Blick nach vorne, aber doch nie mit Blick auf das Ziel.

Die letzte Nacht war kalt, zu kalt. Immer wieder bin ich aufgewacht, immer wieder habe ich mich am Gaskocher kurz gewärmt. Aber kaum drehte ich ihn ab, zog die Kälte aufs Neue unerbitterlich bis tief in die Knochen. Die Kälte verging mit dem Steigen des roten Feuerballs hoch am Himmel, aber die Erschöpfung blieb.

Die Sonne senkt sich und versteckt sich langsam hinter den scharfen Umrissen der umliegenden Berge. Zum Abschied schenkt sie uns ein goldenes und später blutiges Rot, das die Wüste hell und prachtvoll wie eine Diva im Rampenlicht aufleuchten lässt. Von hellem Rot über Pink bis hin zu Violett und schließlich Schwarz durchwandert die Himmelskuppel alle Farben, ehe sie uns das Firmament zeigt.

Erst als der Mond aufsteigt und wieder der Berge scharfer Schatten wirft, erreichen wir den Eingang des Nationalparks und bleiben erschrocken stehen. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Doch da stand dieses Schild, vor dem wir so große Angst gehabt hatten. Es starrte uns drohend an, mit einer unbestimmten Rastlosigkeit und Endgültigkeit.

Wir sind gestrandet im Nirgendwo und haben keinen Ort für die Nacht. Alle Campingplätze sind voll, sagte uns das Schild. Was sollten wir nun blos tun? Eines jedenfalls nicht: diesen Hinweis einfach so akzeptieren. Und so fahren weiter, den Fakten zum Trotz, tiefer in den Park hinein, bis zum ersten Campingplatz.

Tatsächlich herrscht dort jähes Treiben. Überall standen Zelte oder Wohnmobile und überall gehen Menschen hin und her. Lagerfeuer säumen das Gelände. Die Stimmung berauscht mich. Aber jeder Platz ist besetzt. Ich bin resigniert, voller Unmut, jetzt noch weiter zu fahren und länger nach einem Stellplatz zu suchen. Ich bin müde, habe das Lenkrad vor meiner Nase schon satt und spüre den verkrampften Schmerz vom ständigen konstanten Druck auf das Gaspedal. Also parke ich den Wagen neben der Toilette. Wir müssen besprechen, nachdenken, neu abwägen und schließlich entscheiden.

"Sieh mal, der Mann will uns etwas sagen!", sagt sie. Ich schaue hin. Tatsächlich kommt ein Mann aus der Dunkelheit auf uns zu. Er ist dünn, aber groß gewachsen und mit einer Jacke und einer Haube passend für das Wetter ausgerüstet.

Ich lasse das Fenster herunter, ahnend, dass er mich wohl wegschicken will. Doch es kommt ganz anders. Stattdessen lädt er uns auf seinen Stellplatz ein. Er wisse ja, wie das sei, in so einer Situation zu sein.

Wir plaudern bis spät in die Nacht hinein, tauschten Geschichten und Erfahrungen aus. Der Fremde hat uns den Abend gerettet, selbstlos und freigiebig. Nun war er kein Fremder mehr, sondern Rod. Ich bewundere ihn dafür, und bin ihm dankbar. Noch heute haben wir Kontakt.

© Phel - 19.10.2019