Tambourenschwänzchen u. nackerte Buam.

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Tambourenschwänzchen u. nackerte Buam. | story.one

Beruhigt euch doch, das wird keine obszöne Story! Es geht vielmehr um Mehlspeisen, die die Pflegemutter meiner Frau frohgelaunt kochte. Immer wenn d' Muata ankündigte, diese Speisen zu Mittag kochen zu wollen, setzte sie einen heiteren Grinser auf.

Das kam sehr selten vor, meistens war sie ganz schlecht gelaunt. So auch an jenem Tag als mich Christine bat, ihre Koffer von ihren Pflegeeltern in der Haizingallee abzuholen und ihr diese zu ihrem Arbeitsplatz nach Bad Gastein zu bringen. D' Muata öffnete die Tür - wie üblich mit ihrem verschlissenen Arbeitskleid und mit dem zu einer Halbschürze zugeschnittenen Kartoffelsack bekleidet - und schob ihm wortlos mit böser Miene die beiden Koffer ins Stiegenhaus hinaus.

Oder - damals bewohnten wir noch die Keusche in Gadaunern - übergab sie mir zwei kleine Kätzchen, die die nicht sterilisierte Hauskatze bekommen hatte, mit dem Auftrag sie zum Jäger-Barschtei zu bringen, damit er sie erschieße. Den ganzen Weg hin und zurück weinte ich des Schicksals dieser Kätzchen wegen. Dann meinte d' Muata noch, ich hätte die Kätzchen doch gleich vor der Gadaunerer Schlucht über die Felswand hinunterwerfen können, dann hätte ich ihr das Geld für die Patronen wieder zurückbringen können!

Was sagte denn dein Pflegevater zu so einer Hartherzigkeit, fragte mich später Philip? Der hat doch an beiden Weltkriegen jedes Mal an den Abschnitten in Italien teilgenommen, hat Malaria und in der Folge eine Parkinson-Schüttellähmung bekommen, die dazu führte, dass er sein Handwerk als Sägeschleifer nicht mehr ausführen konnte.

Die Obermosern mussten daher von dem Geld leben, das sie für die 23 bis 25 Pflegekinder von der Jugendfürsorge so nach und nach erhielten und von der Ziegen und Schafe Haltung, sowie vom Sammeln von Beeren und vom Verkauf von Edelweiß- und Enziangestecken an Kurgäste und Wanderer.

Immer wenn ihm der Spinner der Muata zu arg auf die Nerven ging, sagte er zu mir: "Christl heute gehen wir wieder auf über!" Meist gingen wir dann in den Wald gegen den Gamskarkogel zu, um Holz für den Winter zu machen. Oder wir arbeiteten bei dem einen oder anderen Bergbauern eine Arbeitsleistung ab, damit wir wieder Heu von den Bergmähdern für die Ziegen im Winter fechsen konnten.

Ich ging gern mit dem Pflegevater 'auf über'. Er lehrte mich auch in der Welt der Berge vorsichtig zu bewegen. Da kam ich eines Tages auf die Idee, ihm zum Dank das besondere Edelweiß vom 'Gelben', d.i. ein Felsen auf dem Weg vom Gamskarkogel nach Faschingberg, zu pflücken. Hinauf ging's leicht, aber hinunter? Da fing es an, mir enterisch zu werden. Schließlich kam ich aber doch wohlbehalten auf sicherem Boden an, übergab dem Obermoser Vater das Edelweißsträuschen mit leuchtenden Augen.

Hab dich schon gesehen und den Herrgott angefleht, dass du mir nicht runterfällst. Danke dir recht schön, liebe Christl! Bist a ganz braves Posdirnei!

© Philip 29.04.2020