Das Ende einer Reise.

Der Sand knirscht leise unter meinen Füßen. Schritt für Schritt bewege ich mich Richtung 45,28°N 88,14°E.

Ich beuge mich hinunter. Schaue auf mein Handy. Wie gerade schon vor ein paar Sekunden. Hoffend, dass ich schon viel näher bin, als meine Anzeige mir gnadenlos mitteilt.

Noch ein paar Schritte fehlen noch. Sagt die Navigation.

Sssssuuuum. Fliegen umkreisen meinen Kopf. In unregelmäßigen Abständen kommen sie näher. Nur um kurz nach dem Anflug wieder zu verschwinden.

Echt lästig sind diese deppaten Viecher, denke ich mir. Nichts gibt es hier in dieser unwirtlichen Region. Bis auf diese verfluchten Viecher.

Ein Schritt. Und noch ein Schritt.

Durch den Sand zu laufen ist überraschend anstrengend. Das war mir davor so gar nicht bewusst. Bei jedem Schritt schiebt der Fuß beim Bodenkontakt einiges an Sand zur Seite und es kostet Kraft, den Fuß bei diesem Einsinken kontrolliert in Position zu halten. Einmal ist dies kein Problem. Aber bei einem längeren Fußmarsch ermüdet es die Wadenmuskulatur recht schnell.

Und noch ein Schritt.

Jetzt ist es nicht mehr lange.

45,28°N 88,14°E. Der eurasische Pol der Unzugänglichkeit. In der Wissenschaft auch bekannt als EPIA2. Der errechnete Punkt auf der Weltkugel, der am weitesten von einem Weltmeer entfernt ist. Zweitausendfünfhundertzwanzig Kilometer. In jede Richtung in die man schaut gibt es kein Meer vor dieser Distanz. Kein anderer Ort auf der Welt kann dies von sich behaupten.

Ich beschliesse, dass ich den Punkt erreicht habe. Der Punkt am Handy und die Markierung auf der Karte überdecken sich ausreichend.

Ich schaue mich um. Bewusst drehe ich mich einmal um die eigene Achse.

Tja. Nicht sehr spektakulär hier.

Keine Imbissbude. Kein Denkmal. Kein Pfeil auf dem steht "Sie haben den Arsch der Welt erreicht". Nein. Nur Wüste.

Naja. Und Sand. Viel von letzterem.

Ich denke mir - es sind wohl nicht die großen Dinge im Leben, die wichtig sind. Sondern die Sachen, denen man selbst eine Bedeutung zumißt.

Mein Fahrer, der mich auf der Straße bis zum am nächstgelegenen anfahrbaren Punkt fuhr, konnte nicht verstehen, warum jemand freiwillig durch die Wüste stapft. Auch wenn die Temperatur angenehm ist - achtzehn Grad Celsius sind eigentlich perfekt für so eine Wanderung. Die Sonne strahlte aber doch unbarmherzig vom makellos, wasserlos-ungetrübtem Himmel herunter. Die Wüste ist wohl so trocken nicht ohne Grund.

Nicht alles im Leben macht einen Sinn, denke ich mir und lächle in mich hinein.

Ein verrücktes Projekt in meinem Leben abgeschlossen.

© Philipe Reinisch