Das Motorrad. Es brennt.

Der Iran ist bekannt für seine Gastfreundschaft bei Motorradfahrern. Menschen kommen permanent auf einen zu und wollen sich bei einem Selfie verewigen. Meist fragt zuerst einer schüchtern. Aber wenn einmal der Bann gebrochen ist, kommt meist sofort ein zweiter. Und dann fünf. Und plötzlich ist man umringt von einer Traube und kann nicht mehr mit dem Motorrad weiter rollen, sobald nicht alle ein digitales Abbild der Zusammenkunft im Datensumpf des Handyspeichers abgelegt haben. Und sich tausend mal bedankt haben für diese Ehre.

Mehrmals ruft mich Yas direkt hintereinander an. Ich sitze gerade bei meinem Mittagessen und erst beim dritten Mal hebe ich ab. Mürrisch drücke ich auf die Taste, welche den Anruf annimmt.

Grußlos rufst sie mir entgegen "Sie zünden gerade Motorräder an. 150 Meter von Deinem Hostel entfernt, wo Dein Motorrad auf der Straße steht!"

In solchen Situationen ist das menschliche Gehirn zu erstaunlichen Fähigkeiten in der Lage: Mein Hypothalamus startet ein hormonelles Feuerwerk und überflutet meinen Körper mit Adrenalin. Meine Gedanken rattern. Nicht zu vergessen , die Rechnung für mein Essen zu bezahlen, mich bei Yas für die Info bedanken, schnell analysieren welche Optionen ich so habe, überlegen auf welchem Weg ich am schnellsten zu meinem Motorrad zurücklaufe - und ob es für mich eigentlich als offensichtlicher Ausländer sicher ist, dies zu Fuß zu tun.

Meine Blitzanalyse ergibt: ein Anruf in meinem Hostel bringt nichts. Wenn der wütende Mob durch Teherans Straßen läuft, kann ich nicht verantworten, dass sich jemand mit einem Stundenlohn von einer Handvoll Euro schützend vor mein ausländisches Motorrad stellt. Somit wäre es nur ein Informationsgewinn - zu wissen, ob mein Motorrad heil ist.

Oder halt eben nicht.

Pragmatisch entscheide ich - wenn es bereits abgebrannt ist, kann ich letztendlich eh nichts mehr machen. Somit entscheide ich mich dagegen anzurufen. Ich spare mir lieber meinen Atem um dafür schneller zum Hostel zurückzulaufen. Zum Glück ist das Hostel gerade einmal weniger als einen Kilometer entfernt - wenn gleich die Route durch das dichte Stadtzentrum Teherans führt. Genau dem Ort, wo die Aufständischen sich versammeln.

Ich laufe zum Eingangstor des Hostels. Ungeduldig warte ich bis die Tür geöffnet wird. Rufe der Rezeptionistin entgegen, ob es wahr ist, dass sie gerade Motorräder anzünden. Ich höre nur den ersten Teil der Antwort, der mir reicht - "Ja...". Denn ich laufe bereits in den dritten Stock hinauf, um meinen Helm zu holen, um sofort umzudrehen und zu meinem Motorrad auf die Strasse zu laufen.

Misstrauisch sehe ich mich um. Zwei Gestalten kommen auf mich zu. Jugendliche. Vielleicht achtzehn Jahre? Ist das die Vorhut für den restlichen Pack? Wollen Sie mich festhalten? Kann ich mich gegen zwei Jugendliche wehren? Wo ist gerade meine Dose Pefferspray? Noch oben im Zimmer?

"Selfie?", deutet mir der Mutigere der beiden.

© Philipe Reinisch