Der Schlüssel zur Welt.

Reza blieb bei mir. Anscheinend will er nicht gehen. Mehrmals versuchte ich ihm die Rutsche zu legen. Erklärte ihm, dass ich sehr beschäftigt sei. Dass ich Emails beantworten muss. Dass ich auf Social Media über meine letzten Tage posten muss. Dass ich einiges aufzuholen habe, nachdem ich so lange offline war.

Nichts wirkte. Kein Problem meint er. Und bestellt sich noch einen Tee in dem iranischen Restaurant, in welches er mich gebracht hatte.

Ich bin vor kurzem erst in Tabriz angekommen. Meiner ersten Stadt hier im Iran. Ein Land mit einer vollkommen fremden Kultur. Die Schrift vollständig anders als in Europa. Die wehende Kleidung und das herzliche Verhalten, welches einem überall entgegenstrahlt.

Reza ist Englischlehrer. Gelesen hatte ich bereits vor einigen Tag von ihm - in einer App auf meinem Smart Phone, bevor er dann gestern Abend vor meinem Zelt auf dem Campingplatz auftauchte. Die App iOverlander ist eine Art digitales schwarzes Brett, auf dem man in einer Karte nützliche Informationen für andere Reisende festhalten kann. Informationen, wie die Koordinaten von Campingplätzen oder von Werkstätten, Banken, Visazentren oder ähnlich hilfreiches.

Und Reza ist hilfreich. Er bietet an, beim Kauf von einer Motorrad Versicherung oder iranischer SIM-Karte zu helfen. Was ich mit Freuden annahm - schließlich ist ein Reiseleben ohne Internet wie Sex ohne Bett. Es geht. Und zur Abwechslung ist es hier und da auch nett. Aber macht es dauerhaft wirklich Spaß?

Und Iran ist nicht vertraut. Blind - ohne Verbindung zu Onkel Google, fühlt man sich nackt. Ausgeliefert und verletzlich.

Reza weiß wie er helfen kann. Alles kein Problem. Gleich ums Eck ist die Versicherung. Und dort irgendwo auch der SIM-Karten Shop. Meinte er gestern. Und heute in der früh holt er mich ab. Und hilft mir bei den Erledigungen.

Die Versicherung war dann schnell erledigt. Nur die SIM-Karte war nicht so gleich ums Eck. Zuerst mussten wir eine Viertel Stunde durch die Stadt fahren. Dann stiegen wir aus und marschierten eine weitere Viertel Stunde durch das Stadtzentrum. Vorbei an historischen Bauten. Welche er mir alle vorstellte. Und geschichtliche Details erzählte. Und noch so nebenbei kann man sich ja auch dies anschauen. Und jenes.

Zuerst zaghaft erzählte ich ihm, dass mein derzeitiger Fokus nicht die Kultur ist. Dass ich ein Mensch der Moderne bin. Dass mich moderne Technologien interessieren. Dass ich gerne Internet hätte. Dass für mich die SIM-Karte das wichtigste im Moment ist. Dass meine ganze Aufmerksamkeit dem gilt.

Und endlich schaffte ich es ihn zu dem Shop zu bringen, wo er mir wirklich half, die SIM zu kaufen. Erlösung, dachte ich mir insgeheim. Und bat ihn mir ein Restaurant zu zeigen, wo ich endlich in Ruhe meine Mails abarbeiten kann.

Er bestellte sich noch einen Tee. Aber wich nicht von meiner Seite.

© Philipe Reinisch