Der Tag an dem ich im Fernsehen auftrat

  • 613
Der Tag an dem ich im Fernsehen auftrat | story.one

Meine Reise entlang der Seidenstrasse mit dem Motorrad hat einiges an medialer Aufmerksamkeit mit sich gezogen - ein paar Mal wurde ich schon von diversen Zeitungen interviewt. Aber ich habe nicht damit gerechnet, was sich daraus in weiterer Folge entwickelt.

Vor ein paar Wochen wachte ich um fünf Uhr früh auf, griff schlaftrunken nach meinem Handy und wollte mich gerade zu meiner Morgenmeditation aufmachen, als ich die We-Chat Nachricht von einem Freund aus Peking las, der mir vor ein paar Minuten eben geschrieben hat - zu Pekings Mittag.

Er fragte unschuldig, ob ich eventuell am Nachmittag Zeit für ein Interview hätte. "Warum denn nicht?", dachte ich mir. Könnte ja lustig werden - nach meiner Motorrad High-Tech Tour von Österreich nach China letztes Jahr, bekomme ich ja hier und da spontane Anfragen um für chinesische Zeitungen Themen rund um die Digitalisierung zu kommentieren - und wenn es sich zeitlich irgendwie ausgeht, stehe ich da gerne zur Verfügung.

Er melde sich noch einmal, schrieb er mir. Und somit begann ich gemütlich meine Morgenroutine - neugierig, was denn der Tag so bringen könnte.

Um acht Uhr schrieb er mir erneut. Kollegen von einem TV-Sender würden sich melden.

Kurz nach Neun meldete sich dann der Redakteur. Ich möge doch bitte ein paar Sätze mit meiner Meinung zu der globalen Situation mit Huawei schicken - ein etwaiges Interview würde dann um 14:30 stattfinden.

Es ist ja nicht so, dass weder meine Wohnung, noch ich selbst für ein TV Interview vorbereitet gewesen wäre. Rasieren wird schließlich überbewertet, dachte ich mir, während ich so gemütlich einmal Wikipedia aufrief um zu schauen, was das eigentlich für ein - mir unbekannter - TV Sender war, wo ich spontan etwas referieren soll: "Auswirkungen der Verkaufseinschränkungen von US-Technologien auf Huawei in Bezug auf Europas Märkte".

CGTN, las ich, steht für Chinese Global Television Network. Ein TV-Sender der eine Reichweite von 85 Millionen Menschen hat. Und ich soll während der Breaking-News sprechen, die das reguläre Programm unterbrach - direkt hinter dem Vize-Präsidenten von Huawei, welcher in Brüssel live ein Statement abgibt.

Noch 4 Stunden bis zum Interview - wenig Zeit für die ganzen Vorbereitungen.

Und dann kam noch ein weiteres Mail. Der Interview-Termin wurde übrigens auf 12:30 vorverlegt - also in zwei Stunden. Live. Über meinen Computer und per Internet zu dem Aufnahmestudio in Peking gestreamt. Von dort in über 100 Länder übertragen. Gesendet aus meinem Wohnzimmer.

So schnell kann man plötzlich vor Millionen vor Zuschauern landen. Und noch schneller war meine morgendliche Entspanntheit verschwunden...

Professionell brachte ich das Interview über die Bühne. Aber danach machte ich etwas, was ich sonst nie tat: ich ging zum Kühlschrank und machte mir ein Bier auf. Verrückt, was aus einer wilden Motorradtour so alles entstehen kann, dachte ich mir, während ich es in einem Zug hinunterkippte - mit den Nerven vollkommen fertig.

© Philipe Reinisch