Fremde Herzen.

Der Tisch biegt sich unter der Last der Speisen. Nazar lässt es sich nicht nehmen noch mehr Essen zu bestellen.

Es war nicht einfach zusammen zu kommen. Hier in Turkmenistan ist die Kommunikation stark eingeschränkt. Entgegen anderer Länder kann man hier als Ausländer - und schlimmer noch, sogar noch Transit-Tourist - keine SIM Karte erwerben. Selbst die Einheimischen sind maximal auf zwei SIMs beschränkt - jede Rufnummer ist dabei mit einem Reisepass hinterlegt. Eine SIM Karte für ein lokales Handy und ein Laptop sind möglich. Mehr geht nicht.

Bei Ausländern geht eben auch das nicht.

Ich habe Nazar bereits im Iran über die Couchsurfing Plattform kontaktiert - einer Art Facebook, auf der sich Reisende und Einheimische kontaktieren und treffen können. Er selbst konnte mir über die Plattform nicht antworten. In Ermangelung einer internationalen Kreditkarte konnte er die Registrierung nicht abschliessen, welche ihm erlaubte dann selbst Nachrichten über die Plattform zu schreiben.

Und somit machte er sich die Mühe mich digitalen Exhibitionisten im weltweiten Netz zu suchen und über die gefundenen Email Adressen zu kontaktieren.

Gerade rechtzeitig vor meinem Grenzübertritt vom Iran nach Turkmenistan beantwortete ich seine Mail und schickte ihm meine österreichische Telefonnummer zu. Sicherheitshalber. Was eine gute Idee war - alles ausser SMS war nicht mehr möglich ab dem Zeitpunkt, wo ich turkmenischen Boden betrat.

Und so lotste er mich an diesem heissen Juli Tag per SMS zu seiner Wohnung in der Nähe von Mary - einer der größeren Städte Turkmenistan, am halben Weg liegend zwischen Iran und Usbekistan.

Nazar ließ es sich nicht nehmen mich zum Essen einzuladen. Natürlich erst nachdem ich in seiner Wohnung geduscht hatte und mich nach diesem Tag mit über 46°C frisch gemacht hatte. Wenn gleich die Frische gefühlt keine zehn Sekunden nach der Dusche hielt.

Hungrig falle ich über den Schaschlik Spieß her. Das Fleisch zerfällt nur so auf meiner Gabel. Und herrlich diese frischen Gurken und roten Paradeiser, die selbst für diese Agrarregionen in den Stan-Staaten aussergewöhnlich waren. Er erzählt mir, dass dieses Lokal nicht umsonst eines der besten der Stadt sei.

Seine schwangere Frau freut sich über die Einladung. Auch für sie ist es nicht häufig, dass sie so fein Essen gehen. Und generell - sie freut sich, dass sie Nazar wieder sieht. Er ist nur jedes zweite Wochenende hier. Normalerweise arbeitet er in Ashgabat und hat sich nur extra wegen mir aussertourlich dieses Wochenende die vier Stunden Taxifahrt angetan. Zwei Stunden vor mir ist er angekommen.

Natürlich darf ich nicht zahlen. Ich sei der Gast.

Wir gehen zur Wohnung zurück. Er verabschiedet sich. Schlüssel soll ich morgen an dieser Stelle neben der Tür hinterlegen.

Weil er fährt heute noch vier Stunden mit dem Taxi nach Ashgabat zurück.

Er muss morgen arbeiten.

© Philipe Reinisch