Rück. Reise.

Es ist schon spät im Jahr. Zu spät um die gesamten fünfzehntausend Kilometer selbst wieder mit dem Motorrad zurückzuführen fahren.

Die Fahrt nach Europa zurück habe ich mir daher einfach gemacht. Mein Motorrad wurde mit einem kirgisischem Gemüsetransport von Bishkek nach Moskau transportiert. Ich komme per Flieger nach.

Aber die letzten Kilometer muss ich mit dem Motorrad am Landweg zurücklegen. Zweitausendfünfhundert Kilometer sind doch nicht so viel dachte ich mir. Das mache ich mal so kurz nebenbei.

Trotzdem war mir mulmig. Es ist mein erster Besuch in Russland. Ich weiß de Facto gar nichts über das Land. Mein Wissen ist beschränkt auf eine Handvoll russische Freunde, die ich während meiner Reise kenngelernt habe. Und auf Erzählungen aus Reiseberichten oder von Biker-Freunden. Erzählungen, die viel Korruption beinhalteten. Korrupte Polizisten. Gnadenlose Zöllner.

Das Wetter tut das übrige. Ich bin bei fünf Grad aus Moskau Richtung Grenze aufgebrochen.

Und die Temperatur fiel haargenau auf ein Grad Celsius - ums Etzerl genug, damit der Regen gerade nicht am Boden zum Eislaufplatz mutiert.

Ich bin von oben bis unten eingemummt. Kein Zentimeter meiner Haut, welche nicht von zumindest zwei Lagen bedeckt ist. Meine Hände sogar drei - trotz der Griffheizung, welche auf maximaler Stufe geschalten ist. Meine Füße vier. Mein Oberkörper sogar sieben.

Mein Ziel für heute ist die Ukraine. Kriegsgebiet. Von dem die Auslandsapp des österreichischen Aussenministeriums berichtet, dass eine partielle Reisewarnung ausgesprochen ist. Sicherheitsstufe 5 bedeutet, dass ich auf mich alleine gestellt bin, wenn ich einreise und mir etwas passieren sollte. Keine beruhigenden Gedanken.

Die russische Grenzstation. Vor mir noch eine lange Schlange an Autos. Fahrzeug für Fahrzeug wird abgefertigt. Langsam und gemächlich. Dienst nach Vorschrift. Ich bin das einzige Motorrad. Keiner ist verrück bei diesen Temperaturen mit einem Zweirad unterwegs zu sein.

Das wird mühsam, dachte ich mir. Und schlängle mich vollkommen illegal an dem Metallschlauch vorbei.

Der Zöllner schaut mich aus der Ferne grimmig an.

Ui. Des wird lustig...

Ach was soll's. Dem ist auch nur kalt. Hoffe ich.

Schüchtern ordne ich mich vier Fahrzeuge vor der eigentlichen Kontrolle wieder in die Schlange ein.

Der Zöllner winkt mir zu. Holt mich zur Seite. Ich soll hier parken.

Werde ich jetzt bestraft?

Er kommt näher. Salutiert lässig vor mir. Eine Routinebewegung.

Was mache ich hier, deutet er schroff. Er spricht kein Englisch. Ich kein Russisch. Keine Zeit für Google.

Ich deute, dass ich gerade von der Grenze Chinas komme. Und, dass ich einfach nur nach Hause möchte.

Er befiehlt mir in die Station zu kommen. Schüchtern steige ich ab. Nehme alle meine Dokumente mit. Wahrscheinlich werde ich jetzt ordentlich gefilzt.

Hinter mir schließt sich die Tür. Ich bin eingesperrt.

Verstohlen schaut er sich um.

Mag ich meinen heissen Kaffee mit oder ohne Vodka, fragt er.

© Philipe Reinisch