Don't break local rules! Never!

Diese Motorradreise ist nicht mein erster großer Trip. Einmal bereits eine Weltreise mit dem Rucksack. Einmal bereits für viele Monate mit einem Motorradgespann die Westküste Südamerikas entlang.

Durch das viele Reisen erstarkte mein Selbstbewusstsein. Ich habe schon viel erlebt. Und ich überlebe immer.

Die Südamerikareise war damals gemütlich. Ich spreche Spanisch. Ich kenne die Kultur. Ich war auch damals schon vor der Reise im Austausch mit diversen Personen, die mir bei der Planung geholfen haben.

Diese Tour entlang der Seidenstrasse ist jedoch anders. Kulturell noch vielfältiger - von römisch-katholisch in Europanähe, christlich-orthodox in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Islamisch-geprägt um den Iran herum und religionsfrei im eher Konfessionslosen China.

Auch die allgemeine Grundstimmung ist anders. Viele erzählten mir im Vorfeld von der täglichen Korruption, welches es den Menschen vor Ort ermöglicht, zu überleben. Das einfache Gehalt von Lehrern, Ärzten oder Beamten in öffentlichen Stellen reicht alleine schlichtweg nicht aus um die eigene Familie zu ernähren. Die Reiseberichte, die ich vorab gelesen habe, sind voll von Geschichten von Polizisten, die Fahrzeuge anhalten und unter falschen Vorwänden Geld erpressen.

Mein Verstoß hier in Georgien ist jetzt eindeutig. Eine Zone mit einer 60km/h Beschränkung. Vor mir ein LKW, der mit 55km/h dahinkroch. Ich saß auf einem Motorrad mit 94PS, die bewegt werden wollen. Ein Motorrad mit modernster Fahrtstabilisierender Technik vollgestopft. Ready to Race - aber anderer Hersteller.

Die Sperrlinie stellte dabei kein Hindernis dar. Die weitgezogene Rechtskurve noch weniger. In wenigen Sekunden beschleunigte ich mein Motorrad und schoss mit 90km/h an dem Lastwagen vorbei.

...um keine Sekunde später das Folgetonhorn und das Blaulicht eines Polizeiwagens zu hören.

Trotz der eigentlich angenehmen 24°C, fange ich an unter meiner schweren Motorradkluft zu schwitzen.

Es ist meine persönliche Premiere. Das erste Mal, dass ich etwas offensichtlich illegales gemacht habe. In einem Land, dessen Sprache ich das erste Mal in meinem Leben so gar nicht spreche. Und deren Gesetze ich ausgeliefert bin.

Jede einzelne gelesene Geschichte über korrupte Polizei in Georgien schiesst mir in den Kopf. Das Georgien, welches als einer der zentralen Orte der Korruption entlang der Seidenstrasse gilt..

Wie kann man sich aus so einer offensichtlichen Situation herausreden? Gedanklich beginne ich schon die Geldscheine in meiner Geldbörse zu zählen. Habe ich überhaupt genug Bargeld mit? Was mache ich aber, wenn das nicht ausreicht? Wie besticht man eigentlich korrekt?

Plötzlich fühlte ich mich verletzlich. Vorbei war mein Selbstbewusstsein.

© Philipe Reinisch