Seidenstrasse. Sind alle korrupt?

Ich habe den Polizeiwagen nicht gesehen.

In einer 60km/h Zone schoss ich mit 90km/h über die Sperrlinie hinweg an dem LKW vorbei, der langsam diese lang gezogene Kurve im Süden von Georgien dahin kroch.

Und die Sirene genau dieses Polizeiautos hörte ich zuerst, bevor es dann selbst kurz später neben mir aufholte und mich mit seiner Kelle zur Seite der Fahrbahn wies.

Schuld bewusst fuhr ich rechts ran. Es gab keine Chance, dass ich mich dabei herausrede. Alles war zu offensichtlich.

Seufzend, stellte ich die Maschine ab, nahm meinen durch die 7000 von Österreich zurückgelegten Kilometer bereits stark riechenden Helm ab und öffnete meine Motorradjacke. Es waren nicht die 24°C, die den Schweiss aus den Poren trieb. Eher die nervliche Anspannung, was jetzt kommen würde.

Wie korrupt wird die ganze Geschichte? Was erwartet mich jetzt?

Während ich mit meinem linken Fuß den Seitenständer herunterklappte, überlegte ich, auf welche Art ich den Einstieg nach der Begrüßung machen könnte. Ich war gerade eine Handvoll Tage vorher aus der Türkei in Georgien angekommen und sprach noch kein einziges Wort Russisch, nebst Hallo und Danke. Somit habe ich keine Ahnung, was man da in einem Fall der Polizeikontrolle so sagt. Normalerweise würde ich mein Handy zücken - Google Translate is your Best Friend - und irgendeine unverfängliche Ausrede mal übersetzen lassen.

Aber das letzte was ich wollte, war eine verfängliche Bewegung zu machen, die dem schwer bewaffneten Polizisten zu einer vorschnellen - und für mich möglicherweise fatal endenden - Selbstschutzmaßnahme animieren würde.

Somit blieb ich einfach auf meinem Motorrad sitzen und wartete. Was sonst kann ich tun?

Leicht humpelnd kam mir der Polizist entgegen. Hinter seiner Sonnenbrille vernahm ich einen skeptischen Blick.

Mein Kopfkino ratterte. Überlegt er gerade, wie er mir am meisten Geld aus der Tasche ob meines so offensichtlichen Gesetzesverstosses ziehen kann? Und wenn ich ihm meine Dokumente gebe - werde ich diese jemals wiedersehen oder treibt dieser Pfand den Preis des Strafmandates in ungeahnte Höhen? Und werde ich es schaffen, am nächsten Tag wie geplant nach Armenien einzureisen? Oder sitze ich jetzt fest - an einem späten Freitag Nachmittag, an dem die österreichische Botschaft geschlossen hat?

Der Polizist grüßte kurz. Nachdenklich sah er mich an.

Mit Händen und Füßen entschuldigte er sich vielmals, dass er kein Englisch spricht. Und er erklärte mir weiters, dass es ihm sehr leid tut, dass er mich anhalten musste. Dass er kein Bargeld annehmen darf. Dass der ausgefolgte Computerausdruck in der nächsten Bank einzuzahlen sei. Dass es ihm noch einmal leid tut, dass er kein Englisch spricht. Und, dass er mir eine sichere Weiterreise wünscht.

Erhalten habe ich eine Strafe über 17€ für dieGeschwindigkeitsüberschreitung und das Überfahren einer Sperrlinie.

...und ein widerlegtes Vorurteil.

Mein einziges Problem - wo gibt es eine Bank, die am Samstag offen hat?

© Philipe Reinisch