Trockene Tränen.

Bei 47°C verläuft die Straße mitten durch die turkmenische Wüste - ohne eine einzige Kurve. Über 300km muss ich heute zurück legen.

Es ist genau diese Art von Strecke, die man als Motorradfahrer meidet. Kilometer über Kilometer das gleiche Bild. Links Sand. Rechts Sand. Dazwischen eine fahle Asphaltschlange.

Die Straße war in einem erstaunlich guten Zustand. Kaum ein Schlagloch. Kaum ein Fleck war auf dem Fahrstreifen auf der Hauptstrecke, welche Uzbekistan mit dem Iran verbindet, zu sehen - was aber auch wiederum nicht verwunderlich war. Es gab kaum Verkehr zumindest an diesem Tag. Wie das wohl an anderen Tagen ist?

Es war schwierig die eigene Geschwindigkeit einzuschätzen. Die fehlenden Orientierungspunkte betäubten die Sinne. Und nach einer Stunde hat man die unterbrochenen Fahrstreifen ausgeblendet.

Zisch. Pause. Zisch. Pause. Zisch.

Die Gedanken schweifen ab. Ich denke an zuhause. An die Monate vor der Abfahrt. An den Schmerz, den ich zuhause zurück ließ. An den Moment bei dem Paartherapeuten, den Lena und ich besuchten. Wie wir in der allerersten Stunde zu viert zusammen saßen. Lena und ich. Und der Therapeut mit seiner Frau, die auch Therapeutin ist. Sie schwieg. Er stellte die Fragen. Wie ich sprachlos war. Erschöpft von dem Stress der Vorbereitung.

Ich wollte einfach nur erklären, was ich alles tat, damit wir gemeinsam auf diese Tour gehen können. Ich wollte einfach nur Anerkennung, was ich alles in Bewegung setze. Damit wir diesen einmaligen Trip gemeinsam machen. Und dass ich derjenige bin zu den Lena aufschaut.

Meine Gedanken springen zu der Frage, warum ich so sprachlos war. Normalerweise um keine Worte verlegen, schaffe ich es immer meine Emotionen auszudrücken.

Warum ging es damals nicht? War es die Erschöpfung? War es meine Wut über das fehlende Verständnis, das ich so sehr vermisste.

Oder war es meine fixe Überzeugung, dass Lena die Frau meines Lebens sei. Welcher ich beim Ziel der Reise angekommen, die eine Frage stellen werde. Die Frage, welche die Verbindlichkeit final besiegelt.

In meiner Welt war es unmöglich, dass wir auseinander gingen.

Wie konnte es dann soweit kommen, dass ich hier alleine durch die Wüste fahre.

Der Therapeut meinte, es sei offensichtlich, dass es nicht paßt zwischen uns. Und er inszenierte ein Ritual zwischen uns beiden.

Es tat so gut meine Wut auszusprechen. Endlich konnte ich meine aufgestauten und in Arbeit ertränkten Gefühle artikulieren. Und jetzt können wir daran arbeiten, wieder zusammen zu kommen, dachte ich mir insgeheim.

Tick. Tack. Die Zeit war um.

Der Therapeut schloss die Sitzung. Und empfahl uns nach dieser Abschiedszeremonie getrennte Wege zu gehen. Für ihn ist das Thema abgeschlossen.

Ich hatte mit vielem gerechnet. Aber nicht damit.

Ich trinke an solchen Tagen der Wüste zwischen drei und fünf Liter. Bei solchen Temperaturen gehe ich aber kaum auf die Toilette.

Keine Träne läuft meine Wange hinunter. Es ist nur der Schweiss.

© Philipe Reinisch