Wenn das Herz aufhört zu schlagen.

"7 Sekunden", sagte er trocken. Es war die Dauer, welches mein Herz in dieser Nacht aufgehört hatte zu schlagen. Das Langzeit-EKG zeigte unwiderlegbar starke Unregelmäßigkeiten. Und er würde mir einen Herzschrittmacher empfehlen. Insbesondere wenn man so einen Trip wie meinen plant, meinte er noch.

Dieser Arztbesuch war einer der Tiefpunkte in meiner Reisevorbereitung.

Über ein Jahr war vergangen, seit meiner Entscheidung mit dem Motorrad Richtung Pol der Unzugänglichkeit fahren zu wollen. Wie bei allen großen Unterfangen war der Beginn überwältigend. Die Euphorie war Anfangs groß. Der Vorgeschmack des Abenteuer war überall spürbar. Bei erstmaligen Erzählungen über die zukünftige Reise sah man Begeisterung im Antlitz der Zuhörer. Bewunderung - und manchmal etwas Neid kam auf.

Auch habe ich kurz nach meiner Entscheidung auch Lena getroffen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Unbeschreiblich. Ich sah sie und wußte sofort, dass sie die Mutter meiner Kinder sei. Kein Zweifel.

Und sie wollte mitkommen - auf einen Trip, der noch weit davon entfernt war klar definiert zu sein.

Ein Jahr später. Und die Welt war nicht mehr so einfach. Viele Unwägbarkeiten haben sich ergeben. Viele Fragezeichen, welche zuerst einfach klangen, zogen einen Rattenschwanz an Konsequenzen mit sich. Wie lange können wir wegbleiben? Danach richteten sich die Visaanträge. Und wie finanzieren wir den Trip?

Als Selbstständiger hatte ich für diesen Trip ursprünglich zwei bis vier Monate angedacht. Mit Lena gemeinsam haben wir die Entscheidung getroffen, doch sechs Monate zu reisen. Signifikant mehr als ursprünglich angedacht. Zeitlich. Und vor allem auch kostenmäßig.

Ich hatte große Sorgen wegen der Finanzierung - nun für zwei. Das Konzept mit den Sponsoren ging überhaupt nicht auf. War es bei meiner Südamerika Tour um 2010 herum noch recht einfach möglich, Sponsoren aufzutreiben, zog dies diesmal überhaupt nicht mehr. Ich habe als Selbstständiger meine regulären Projekte fast vollständig zurückgefahren um mich auf die Vorbereitungen des Projektes zu konzentrieren. Jede freie Sekunde dachte ich an Sponsoren und Kontakte, die ich noch ansprechen kann, um dieses Projekt zu realisieren.

Viel habe ich mich mit Themen wie Social Media Marketing auseinander gesetzt. Mit Sponsoringkonzepten. Recherchiert, welche Themen gerade bei möglichen Firmen schlagend sind. Wen man ansprechen könnte für Unterstützung. Parallel zu den ganzen Themen wie - mit welchem Motorrad sollen wir fahren. Welche Ausrüstung benötigen wir. Wie können wir uns selbst auf den Trip vorbereiten.

Und in diesen Momenten kamen Zweifel auf. Schafft der das? Fährt er wirklich? Wie weit kommt er?

Das schwierigste an so einem großen Projekt ist durch zu halten. Bis zur Abfahrt.

Wenn man einmal unterwegs ist, schaut die Welt wieder anders aus. Aber es ist schwierig das Herz für die Sache nicht zu verlieren. Und man kann nicht alles erzwingen. Vor allem nicht beim eigenen Herz.

© Philipe Reinisch