Wunderhände.

Expertise? In Zentralasien? Keine Chance! So dachte ich mir...

Drei Jahre gibt es den Verein schon. Seit drei Jahren kommen Motorradfahrer hier nach Dushanbe und lassen ihre Gefährten reparieren. Und seit drei Jahren ist Aziz mit seinem Motorradverein die gute Seele, die jedem Motorradreisenden in Tajikistan weiterhilft.

Aziz ist ein Magier. Ein Magier in einem Land, in dem Menschen Motorräder mit 125ccm fahren. Wenn sie mutig sind, können sie auch schon mal auf 250ccm sitzen. Vereinzelt - wenn gleich sehr selten - gibt es auch Motorräder mit 400ccm.

Viele Motorradfahrer aus Europa und von anderen Kontinenten reisen mit 800ccm. Ich selbst ritt auf 1000ccm mit meiner Honda ein - und bin noch ein Zwerg im Vergleich zu den BMW Dompteuren mit 1250ccm Monstern.

In solchen Ländern einen Mechaniker zu finden, der sich mit großen Maschinen auskennt ist schwierig. Bevor ich Aziz kennenlernte, hätte ich sogar gesagt unmöglich.

Durch Tajikistan führt der berühmte Pamir Highway - eine Art Jakobsweg des Motorradreisenden. Wie Mekka gilt dieser Highway als Ziel, ohne welches man besucht zu haben, man nicht in den Himmel der echten Biker aufgenommen werden kann. Dushanbe ist hierbei das Nadelöhr, durch welches jeder durch muss, um das feine Strassennetzwerk zu bereisen, welches Usbekistan über den Pamir Highway mit Kirgisien verbindet.

Es gibt dabei zwei Klassen von Reisenden, welche nach Dushanbe kommen. Die einen fliegen mit ihrer Maschine nach Kirgisien und machen von dort aus eine Runde durch Zentralasien - beginnend in Bishkek und fahren dann nach Süden dem unwirtlichen Highway entlang, um dann einen Schlenker nach Westen zurück zu machen. Auf einem Highway, der alles abverlangt und die Maschinen foltert. Wo kaum jemand danach nicht irgendwelche Probleme hat.

Die andere Gruppe - aus Europa kommend - hat bereits 13.000km unter ihren Pneus. Zu letzteren Gruppe gehöre eben auch ich. Hierbei haben fast alle Maschinen bereits irgendwelche Schäden. Hervorgerufen auf endlosen Kilometern Knochenzermürbender Wüstenwege Irans und Turkmenistans.

Bei mir war es der Stoßdämpfer, der seinen Geist bereits aufgegeben hatte - sogar noch eben bevor ich den Highway erreichte. Keine Chance, dass ich das Pamir Gebirge weiter bereise, ohne diesen repariert zu haben. Aber nur wo? Verendet mitten in Zentralasien? Gestrandet ohne Hoffnung?

..."Eine Woche", sagt mir Aziz. Eine Woche muss ich auf den Ersatzteil aus Moskau warten.

Aziz hat Erfahrung. Es gibt selbst in Europa kaum jemanden, der so viele verschiedene Fernreisemotorräder in seinem Leben gesehen hat, wie Aziz. Er kennt sie ausnahmslos. Selbst Motorräder, von denen ich nur fern gehört habe, waren schon in seinen heilenden Händen. Ich lerne - täglich kommen bis zu drei Reisende in seine Obhut.

Der Magier hilft allen.

© Philipe Reinisch