Schnauze!

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Schnauze! | story.one

Ja genau, du bist gemeint! Hör auf, ständig an dir rum zu meckern. Ich müsste schon längst wissen, was ich vom Leben will, was meine Ziele sind, wo meine Leidenschaft liegt, was mein Ding ist und wohin mich das alles führt. Ich sollte schon weiter sein, erfolgreicher, wohlhabender, entschlossener, wichtiger, berühmter, anerkannter und klüger sowieso. Ich müsste dies. Ich sollte das. Diese Stimme in deinem Kopf gehört einem kleinen Monster und dieses hat nur eine einzige Antwort verdient: Schnauze! Das Monster nenne ich übrigens das „MISI-Monster“. Klingt lieblich. Ist es aber nicht. Das MISI-Monster (MISI ist steht als Akronym für „müsste-ich-sollte-ich“) ist ein ausgewachsenes Killerwesen. Es ernährt sich von deiner Lebensenergie, Lebensfreude und Zuversicht. Und es hat sich an einem ganz speziellen Platz eingenistet, in einem Spalt um es ganz genau zu sagen. Dieser Spalt bietet geradezu paradiesische Lebensbedingungen für dieses Monster. Er liegt genau zwischen deinem tatsächlichen Leben und dem Blueprint, den du dafür in deinem Kopf abgelegt hast, also der Vorstellung wie es sein müsste oder sollte. In dieser Lücke, diesem Spalt, sitzt dieses Monster und frisst sich jeden Tag auf Kosten deiner eigenen Energie die Wampe voll. Fast wie eine Made im Speck. Es ist Zeit, dieses Monster aus seinem Nest zu jagen. Oder besser noch: Es ihm so unbequem zu machen, so dass es freiwillig die Flucht ergreift.

Wie das funktioniert? Ganz einfach: Wir schließen den Spalt. Dazu gibt es theoretisch betrachtet zwei Möglichkeiten. Möglichkeit 1: Du änderst dein Leben von heute auf morgen so, dass es dem in deinem Kopf abgelegten Blueprint entspricht. Spalt geschlossen, Mission erledigt. Angesichts der Tatsache, dass dieses Monster jeden Tag von der nötigen Kraft und Energie zehrt, die du dafür brauchen würdest, relativ unwahrscheinlich. Möglichkeit 2: Du erkennst, dass deine Vorstellung davon, wie es sein sollte, also dein Blueprint, oft nicht mehr ist, als das Ergebnis nicht haltbarer, genereller Annahmen oder der Idealisierung Anderer - eine schlichte Projektion.

Stell dir vor, jemand würde sich dein Leben wünschen! Was würdest du sagen? Vermutlich sowas in der Art wie „Sei vorsichtig, was du dir da wünscht, du hast ja keine Ahnung“. Tatsache ist: Wir sehen immer nur einen Teil anderer Menschen, kennen nur einen Teil ihrer Geschichte. Für jedes Beispiel, wie es sein „müsste“, gibt es eines, wie es auch anders sein „kann“. Das Geheimnis des Lebens ist kein Kochrezept, das da draußen irgendwo vergraben liegt und nur von Auserwählten gefunden wird. Kein Malen nach Zahlen, wo jemand anderes die Linien für dich zeichnet und du sie nur auszufüllen brauchst. Dein Leben hat vor dir noch niemand gelebt. Und es wird auch nach dir niemand leben. Du bist also noch nicht dort, wo du sein willst? Sprich die magischen Worte und der Spalt schließt sich: „Na und?“. Danach heißt es nur noch: Dranbleiben.

© Philipp Maderthaner 24.08.2019