(N)O Tannenbaum!

  • 154
(N)O Tannenbaum! | story.one

Wie jedes Jahr haben wir unseren Christbaum wieder mit Bedacht, Liebe und viel Vorfreude, beim Christbaumhändler unseres Vertrauens, der immer bei uns ums Eck steht, reserviert. Das heißt er ist schon bezahlt, hat ein Mascherl um, auf dem unser Name steht, darf aber wegen der Kinder erst am 24. zu uns nach Hause. Schließlich haben mein Mann und ich uns im ersten Jahr als Eltern darauf verständigt, dass das Christkind auch den Baum bringt und aus der Nummer kommen wir jetzt nicht mehr heraus, solange die Kinder noch klein sind.

24.12., nach einem gemütlichen Frühstück, schieben wir die Kinder also zu Oma und Opa ab und haben somit noch ein paar ruhige Stunden, um dem Christkind zu helfen. Es muss eh nur noch der Baum geholt und aufgeputzt werden, die Geschenke sollen außerdem eingepackt, und das Abendessen vorbereitet werden. Easy! Wir trinken in aller Ruhe erst einmal noch ein Kaffeetschi, bevor mein Mann mit den Worten "ich fahr nur schnell den Baum holen" die Wohnung verlässt. Ich hole einstweilen die Deko aus dem Keller und habe die schönsten Kugeln schnell rausgesucht, will unbedingt mit dem Aufputzen anfangen. Mann und Baum sind aber noch nicht da, also schlürfe ich noch ein Glas Sekt und gönne mir ein paar Kekserl. Nach 30 Minuten werde ich langsam unrund und beschließe, meinen Mann anzurufen. Sein Handy läutet nebenan, er hat es für den kurzen Weg nicht mitgenommen. Na toll! Um mich abzulenken, genehmige ich mir gleich noch ein Glaserl Sekt, das hilft nix, ich werde immer unruhiger.

Nach einer Stunde überschlagen sich meine Gedanken:

Haben ihn die Christbaumverkäufer mit ihren Schnapserln, die sie immer verteilen, betrunken gemacht und findet er jetzt den Weg nach Hause nicht mehr?

Oder hat er mir gar einen Lottosechser verheimlicht und setzt sich gerade in die Karibik ab?

Wo bleibt er denn???

Abgesehen von den Sorgen, die ich mir mittlerweile um ihn mache, als Christkind läuft mir verdammt nochmal die Zeit davon!

Ich renne in der Wohnung auf und ab und von der besinnlichen Weihnachtsstimmung, mit der wir in den Tag gestartet sind, ist jetzt nicht mehr viel übrig.

Nach eineinhalb Stunden bin ich mit den Nerven völlig am Ende und kurz davor, den Notruf zu wählen, als er total abgehetzt mit dem hässlichsten Christbaum aller Zeiten aufkreuzt. "Das Standl hat früher als angekündigt dicht gemacht und unser Baum lehnt jetzt zwar einsam und verlassen dort, aber es ist alles abgesperrt." Er berichtet mir von seiner kurzfristigen Odyssee durch ganz Wien und von den vielen Standln, die entweder auch schon zu oder bereits ausverkauft waren. "Das Krewecherl da hab ich dann grad noch ergattern können." Er deutet mit verachtendem Blick auf die zerrupfte Tanne.

Zeit zum Durchschnaufen bleibt uns nun keine, wir pushen uns mit dem Rest vom Sekt und schaffen es dann doch noch irgendwie, alles fertigzumachen, bevor die Kinder wieder da sind und das Christkind kommt. Halleluja!

Übrigens können wir seither bestätigen: "Aufputzt is a jeder Bam schee".

© Philippba 14.12.2019