Das "Wisch"-Handy

Kurz vor seinem 88sten Geburtstag eröffnet uns unser Vater, dass er dringend ein „Wisch“-Handy braucht. Verwunderung macht sich in den Gesichtern meiner Brüder und mir breit, hat ihm doch bisher sein Senioren-Tasten-Handy gereicht. Er habe gehört, dass man mit einem Wisch-Handy fotografieren und die Fotos dann hin- und herschicken kann und man die Leute beim Telefonieren sehen kann, nämlich bei „Wart’s ab“!

Bei dieser neuen Kreation des Wortes „WhatsApp“ brechen wir in schallendes Gelächter aus, bevor ich meinen Vater in seiner Super-Idee bekräftige. Das wird sicherlich auch eine Bereicherung für unsere weitläufige Kommunikation zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Etwas irritiert geben meine Brüder zu bedenken, dass mein Vater zwar Sudoku-Meister und der ungekrönte Schachkönig ist, aber von PCs, Internet und Handys definitiv keine Ahnung hat. Siegessicher entgegnet daraufhin mein Vater, man könne alles lernen, wenn man nur wolle! Begeistert von dieser Einstellung verspreche ich, morgen mit ihm in den Handyshop zu fahren.

Es wird ein Samsung A40, leichte Handhabung speziell für Senioren, Volltreffer. Mir wird ganz warm ums Herz, als ich meinen Vater mit der Handytasche über die Straße gehen sehe, als habe er einen kostbaren Schatz in der Hand.

Daheim angekommen, will mein Vater sogleich loslegen und ist ganz enttäuscht, denn das Handy muss erstmal aufgeladen werden. Meine Schwägerin und ich nutzen die Zeit, uns Gedanken zu machen, wie wir unserem betagten Herrn das Handy erklären, morgen fahren nämlich alle wieder heim und ich muss dann alleine durch diesen Dschungel. Ich, die Handyexpertin schlechthin.

Ich scheitere bereits an der ersten Aktion, zu erklären, wann man das Handy wischt und wann antippt. Da mir gleich klar wird, dass das Wischen mit den schon leicht zittrigen Fingern mühsam ist, besorge ich einen Handy-Stift und würde mich am liebsten küssen für diese grandiose Idee.

Nach drei Tagen intensiven Einführungskurses bin ich überwältigt von dem väterlichen Ehrgeiz und stolz auf diesen lernfähigen 88er. Auch wenn ich mehrmals kurz davor war, die Nerven zu schmeißen. Meine „überaus geduldigen“ Brüder haben bereits nach einem Tag die von mir eingerichtete Familien-WhatsApp wieder verlassen, da ich meinen Vater dazu ermutigt hatte, sie mit Fotos, Videoanrufen und Sprachnachrichten zu überschütten.

Nachdem ich noch ein eigenes „Vater’s Handy-Anwendungsbuch“ ausgearbeitet habe, packe ich zufrieden meinen Koffer für die Heimreise. Hocherfreut lausche ich noch dem Videotelefonat, das mein Vater mit meinem Bruder in der Schweiz führt. Bis ich höre, wie sich mein Bruder für die vielen Nachrichten bedankt, was mein Vater mit dem Satz – ich traue kaum meinen Ohren – kommentiert: „Ahso, bist leicht a bei Wart’s ab?“

Ich sinke in mich zusammen, hole mir einen Zirbenschnaps aus dem Schrank und setze mich auf den Balkon. Bis wir die Show im Kasten haben, liegt noch ein weiter Weg vor uns.

© Philli