Magie auf 1759 m

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Magie auf 1759 m | story.one

Es war im Sommer 1976. Wir waren wieder einmal auf dem Weg nach St. Johann am Tauern, dem Ort unserer zahlreichen Österreichurlaube. Für meinen Vater, einem waschechten Steirer, war es wichtig, unsere Urlaube in seinem Heimatland zu verbringen. Er war einer der vielen Bergarbeiter, die in den 60ern ins Ruhrgebiet kamen und unter chronischem Heimweh litten.

In der Blüte meiner Pubertät mit meinen 16 Jahren hielt sich meine Begeisterung für derartige Urlaube mehr als in Grenzen, sehnte ich mich doch nach Sonne, Sand, Meer, und Party! Die Alternative waren schlussendlich meine nervigen 8jährigen Zwillingsbrüder und diese gottverdammte Einöde!

Die Rettung nahte, als meinen Eltern die glorreiche Idee schoss, meine beste Freundin mitzunehmen. Sie reagierte zwar nicht überschwenglich auf die Aussicht in Österreich Urlaub zu machen, aber mit der Freundin 2 Wochen zusammen sein, reichte für ein Ja.

Wie bei jedem unserer Aufenthalte in St. Johann waren auch die Verwandschaftsbesuche mit von der Partie. Diese zogen grundsätzlich Wanderausflüge nach sich. Wham, Almausflüge mit der happy family, was konnte es Betörenderes für 2 pubertierende Dirndl geben?

Mit Wanderschuhen, Regenjacke um die Hüfte geschwungen, Rucksack auf dem Buckl ging es los auf die Wildalm. Meine Freundin hängte sich gleich einmal an meinen gleichaltrigen Cousin, so dass zumindest ihre Hormone ihren Ausgleich fanden. Super, mir blieb meine Godl, die fand ich aber eh ganz ok. Bei jedem Höhenmeter mehr, schaffte sie es sogar, mir diese traumhafte Bergwelt mit ihrem malerischen Panorama schmackhaft zu machen. Als wir nach mehreren Stunden endlich an der Selbstversorgerhütte ankamen, war mein biologisches Wissen um viele Wildkräuter und duftende Almblumen reicher.

Die Hütte war urgemütlich und hatte diesen einzigartigen Geruch einer Mischung aus altem Holz, typischem Heu, geselchtem Speck, Griebenschmalz und selbstgebackenem Brot. Die steirische Harmonika meines Vaters und die Gitarre meines Cousins setzte diesem urigen Ort, drinnen wie draußen die Krone auf. Es wurde gesungen, getanzt, gelacht und beschlossen im Heustadl zu übernachten.

Das war natürlich das Erlebnis. Ein Bett aus Heu mit allen zusammen auf dem Heustadl, eine Riesengaudi und wir kuderten bis tief in die Nacht.

Gegen 5 Uhr früh wurde ich munter, weil das Plumpsklo mich rief. Ich verließ den Heustadl über eine Leiter und blieb wie angewurzelt stehen.

Der Anblick, der sich mir bot, lässt sich nicht in Worte fassen. Ein Sonnenaufgang „in the middle of nowhere“, wie er malerischer nicht sein konnte. Ein Farbenspektakel, geradezu atemberaubend. Eine lila orange-rot-goldene Lichtstimmung, die mir trotz der kühlen, frischen Bergluft ein unbeschreiblich wohlig warmes Glücksgefühl verursachte. Pure Magie!

Es war der letzte Urlaub gemeinsam mit meinen Eltern und Brüdern.

Ich bin unendlich dankbar, dass dieser mir für ewig in besonderer Erinnerung bleibt.

© Philli 25.03.2020