"Den pfeiff ma aus...!"

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Wir waren 12 oder 13. Momi war 16. Was er sagte wurde gemacht. "Erste November Show in der Stadthalle. Boney M und Sailor. Do komma gratis eine." Wer ein Sparbuch bei der Erste Bank eröffnete bekam 1 Freikarte. Auch wenns nur 10 Schilling Einlage waren. Momi sprachs, wir eröffneten alle und brachten die Karten. Da stand Boney M und Sailor aber auch noch ein anderer Namen drauf. Einer von diesen Schlagersängern. Der singt doch dieses Lied mit dem Wein oder mit dem Kornfeld? Genau wußten wir's nicht. Ich hielt Momi die blaue Karte hin: "Boney M Daddy Cool na, ja geht und Sailor is super: Glass Of Champain und so. Owa der Udo Jürgens. Waun uns do wer siecht von die aundern, des warat scho peinlich." Momi versuchte zu verharmlosen:"Na und? Wird scho kana durt sein von de." Auch er wußte, das war jetzt schwach. In der Schule redeten alle von der Show. Alle würden dort sein. Er war unter Zugzwang: "I was wos. Mir pfeifen eam aus und dann gemma ...!" Wir johlten: "Genau des mochma! Suuuper!!" Ich johlte auch mit. Irgendwas war da zwar... Aber mit 12? Was sollst Du machen mit 12 in deiner "Bande".

"Oiso, waun a aussekummt auf die Bühne, daunn voi laut pfeifm und Buhh und so..." Momi hat es mit uns sogar ein paar mal geübt. Wir freuten uns drauf, allen zu zeigen was wir von Schlagerfuzzis hielten.

Keiner von uns war vorher schon einmal in der Wiener Stadthalle gewesen. Es war riesig und laut und hallte, viele bunte Lichter waren überall montiert.

Drüben standen ein paar von der Parallelklasse.

Mit dem Boney M Sänger war was komisch, der klang nicht wie im Radio aber das war irgendwie wurscht. Die Sailor hatten Kapitänsmützen auf und ein buntes Klavier. Darauf spielten sie Glass of Champain. Die letzte Nummer. Es gefiel mir gar nicht so richtig.

In der Pause drängten wir uns nach vorne vor die Bühne, dann wurde es dunkel. Momi drehte sich auffordernd zu uns um und steckte zwei Finger in den Mund. Wir machten es ihm nach.

Er kam im blauen, glänzenden Anzug raus. Urpeinlich. Und unsere Pfiffe gellten los. Obwohl ein paar Buben neben uns auch mitzogen, ging unser Radau im Applaus der riesigen Halle unter, aber ich hatte das Gefühl er schaut uns an und hört unser Gepfeife und Gebuhe ganz genau. Ich fühlte mich plötzlich elend.

Momi stachelte uns an. Wir machten weiter. Auch während dem ersten Lied, dem ersten Applaus, dem zweiten Lied. Um mich herum nur schrille Pfiffe und "Buuhh". Udo musste das doch hören, aber er sang und spielte Klavier mit so einer Freude und Kraft. Manchmal schaute er auch zu uns und war nicht böse oder gekränkt sondern voller Leidenschaft. "... aus diesem ehrenwerten Haus."

Irgendwas kam über uns, floss durch uns, löste uns auf. "... und Bananeee...."

Wir grölten mit. Momi grölte mit. "...aber bitte mit Sahne" Auch die von der Parallelklasse, die ganze riesige Stadthalle bis zu den 5 Zugaben war begeistert und glücklich.

Ich habe später noch einige Rockstars live erlebt und verehrt, aber Udo hat bis heute seinen Platz in meiner "Rockerbrust".

© PipoGruber