Der Startblock ist nur der Anfang

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Ich war zehn Jahre alt und körperlich betrachtet nie die klassische Sportlerlin. Unter meinem Sportshirt zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt schon der erste Brustansatz ab, mein Bauch war nie flach, zu keinem Zeitpunkt war ein Sixpack zu erahnen und untenrum war schon das, was man als gebärfreudiges Becken bezeichnen würde, zu erkennen. Dennoch war ich in der Schulauswahl im Leichtathletik-Team. Ich konnte meine um oft 15 bis 20 Kilo leichteren Schulkameradinnen im Sprint einige Sekunden abnehmen, erzielte beim Weitsprung oft den halben Meter mehr das Schlagballwerfen war sowieso meine Paradedisziplien.

Und dann kam dieser eine Tag, der mein gesamtes Leben von Grund auf verändert hat.

Es war ein heißer Tag im Frühsommer. Wir trainierten am heimischen Sportplatz für die Bezirksmeisterschaften. Es hatte an die 30 Grad Celsius Außentemperatur und ich hatte zum zweiten Mal in meinem Leben meine Periode. Da ich wie viele Mädchen in meinem Alter dachte, eine Binde im Slip hört man doch beim Sprint, setzte ich mir ein Tampon ein. Ich fühlte mich unwohl, schob es jedoch auf das heiße Wetter und die Tatsache, dass der monatliche Ausnahmezustand vorherrscht. So hat man mir das ja immer erklärt.

Mein Start stand kurz bevor. Ich verkeilte mich im Startblock und wartete auf das "Go" des Trainers. Mir wurde heiß, ich schwitzte, als ob ich schon einen Marathon kurz zuvor gelaufen wäre. Ich höre noch, wie der Trainer "Los" ruft, danach weiß ich nichts mehr. Mir wurde schwarz vor Augen. Das nächste, an das ich mich erinnere, ist das gedimmte Licht im Krankenhaus.

Was war passiert?

Man vermutet, dass der Tampon, eine Autoimmunerkrankung ausgelöst hat. Eine meiner Nieren wurde sehr in Mitleidenschaft gezogen, sodass ich noch jahrelang mit Cortison und ärztlicher Betreuung verbringen durfte.

Meine Sicht auf die Dinge und mein Körper hat sich dadurch stark verändert. Das jahrelange Cortison, dass ich mir in der Jausenpause beim Schularzt in Spritzenform abgeholt habe, hat seine Spuren hinterlassen. Und die Tatsache, dass man immer gesund ins Ziel kommen sollte und nicht nur aus dem Startblock, ist mein Lebensmotto geworden.

© Pippi_Ring 26.01.2020