Spieglein, Spieglein

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Spieglein, Spieglein | story.one

Es ist 22.04 Uhr. Auf leisen Sohlen schleiche ich aus deinem Zimmer, schließe die Türe ganz behutsam, als könnte jedes noch so kleine Geräusch dich wieder auf den Plan rufen. Du bist endlich eingeschlafen, nach über zwei Stunden Kampf. Ja, es war ein Kampf, und im Nachhinein sogar ein fairer.

Du bist ein so kleines, willensstarkes und wissbegieriges zweijähriges Wesen. Wenn du mich mit deinen stahlblauen Augen ansiehst und sich diese aus Verzweilflung, Angst oder Missverständnissen mit Tränen füllen, bricht es mir das Herz. Ich versuche, dir jeden Tag, jede Minute meines Lebens gerecht zu werden, deine Bedürfnisse zu stillen. Ich gebe dir Nähe, weil wir beide uns danach sehnen, ich gebe dir Halt, weil ich an dich glaube und versuche, dich zu verstehen. Aber warum fallen dir die für dich essenziellen Lebensfragen erst immer nach 20 Uhr ein, wie zum Beispiel, warum du zehn Finger hast.

Ich bin so müde. Körperlich, weil du mich um 6 Uhr morgens weckst, weil du die Welt entdecken willst. Müde, weil du beschlossen hast, mittags nicht mehr zu schlafen, weil du die Zeit sinnvoller nutzen und schauen willst, wie viele Kuscheltiere in der Toilette Platz haben. Müde, weil ich seit du da bist in ständiger Alarmbereitschaft bin, weil du auch mal versuchst, mit geschlossenen Augen durch die Wohnung zu laufen und ich deinem Zickzack-Kurs entnehmen kann, dass du nicht jeden Türstock aus dem Effeff kennst.

Eigentlich wünsche ich mir nur das Gleiche wie du. Dass mich jemand in den Arm nimmt. Mich streichelt, bis ich sicher im Land der Träume angelangt bin. Jemand, der da ist und meine Warum-Fragen beantwortet und jemand, der an mich glaubt und mir Halt gibt, weil er an mich glaubt, auch wenn mein Handeln für Außenstehende nicht nachvollziehbar ist.

Wir kämpfen im Grunde den selben Kampf, es verschieben sich nur die Ziele. Du bist nicht mein Feind, nicht mein Battle-Partner. Du hälst mir nur den Spiegel vor, aber wer gefällt sich darin schon immer?

Lass' uns morgen wieder kämpfen, aber so, als gibt es immer wieder ein Morgen.

© Pippi_Ring 26.01.2020