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#1sommer1buch

Lauschangriff

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Lauschangriff | story.one

Die Dame vor mir möchte gerne die Enkelkinder am Nachmittag beaufsichtigen. Allerdings erst nach 16.00, weil vorher ist sie bei der Kosmetikerin. Der junge Mann vor ihr beschwert sich bei jemandem, dass er einkaufen muss, wo doch so viel los ist, und er schon seit 20 Minuten in der Schlange vor der Kassa steht. Ich verstehe ihn.

Vor und hinter mir reihen sich Menschen und Einkaufswagen mit Abstand aneinander. Jeder mit MNS, nur die Augen sind erkennbar. Ganz vorne legt jetzt eine sehr junge Frau ihren Einkauf auf´s Band, während sie durch die Maske nuschelt, dass Alex ein Arschloch sei, weil er einen One-Night-Stand mit Jaqueline hatte! Ich bin überrascht, was ich hier alles erfahren kann. So ganz nebenbei beim Einkaufen. Die junge Dame tut mir leid.

Jetzt fragt der ältere Herr hinter mir, wohin XY heuer in den urlaub fahren will. Er bleibt lieber daheim, grillt im Garten, und trinkt mit seiner Gattin Aperol-Spritzer am Abend. "Des is vü billiger und sicher a, weu Corona brauch´ ma net!", erklärt er. Die Dame mit den Enkelkindern fragt, ob diese Eis essen dürfen, und ob sie auch zum Abendessen bleiben werden. "Aha! Wie lange dürfen sie dann fernsehen? Bis neun, so lange? Okay, mir ist es egal!", erwidert sie kühl. Das wäre also auch geklärt.

Der junge Mann vorne hat den Gesprächspartner gewechselt, und bespricht jetzt die Bike-Tour, die morgen um 07.oo starten wird."Wir treffen uns beim Paul, bis morgen, pfiat di!" Keine Ahnung, wer oder was Paul ist. Dafür erfahre ich von weiter hinten, dass der Busen der neuen Nachbarin garantiert nicht echt ist, genau so wie die blonden Haare! Und dass diese Frau absichtlich im Bikini Rasen mäht, um sämtliche Männer in der Siedlung "scharf" zu machen. "So ane homa noch gebraucht do bei uns!", höre ich eine mürrische Frauenstimme. Leider verstellen mir einige Kunden die Sicht nach hinten. Zu gerne würde ich das Gesicht zu der Stimme sehen...

"Schade, dass ich dort nicht wohne", flüstert der ältere Herr hinter mir jetzt schelmisch. "Alex kann seine Sachen packen, und gleich zu Jaqueline ziehen!" Das hat er jetzt davon. Grillmeister & Gattin essen am liebsten Schopfsteaks, die sind schön saftig. Salat und Knoblauchbrot dazu, fertig ist das Essen. Wohin die Bike-Tour gehen soll, weiß ich leider nicht, der junge Mann ist längst draußen. Ich habe auch keine Ahnung, was die Enkelkinder zum Abendessen mögen. Meine Informationen sind lückenhaft.

Alex kenne ich nicht, aber er ist mir sowieso unsympathisch, dieser Betrüger! Von der rasenmähenden Blondine fehlt mir die Altersangabe, sie wirkt jung! Und überhaupt: ob diese Dame wohl Single ist?

Inzwischen bin ich an der Reihe. Mit einem Lächeln grüße ich die Kassierin. Sie grüßt freundlich zurück, lächelt mich an und meint, dass ich heute die erste Kundin wäre, von der sie wahrgenommen wird! Ja, so läuft das Leben. Ich habe jedenfalls ziemlich viele Wichtigkeiten "aufgesogen" - noch weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll.

Es lebe das Handy!

© PoeSy 2020-08-07

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