Das Loch im Zaun

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Frau S., die 80-jährige Dame vor mir auf der Liege in der Notaufnahme, wirkt ganz verzagt. Im Röntgen sieht man einen Bruch unterhalb der Oberarmkugel – in einer extremen Fehlstellung.

Während ich die Schmerzinfusion vorbereite, dann den passenden Schulterverband aussuche und vorsichtig anlege, erklärt ihr die Ärztin die nachfolgenden Schritte: Operation, mehrere Wochen lang ein Verband, längere Rekonvaleszenz mit Physiotherapie. Da kommen ziemliche Veränderungen auf die alte Dame zu.

Ihrem kummervollen Gesicht nach wälzt sie auch bereits schwere Gedanken. Wie das wohl werden wird? Bis jetzt hat sie ihr Leben ganz allein bewältigt, aber vielleicht braucht sie nun für einige Zeit fremde Hilfe? Da gibt es ein kleines Häuschen mit Garten und sie ist seit Kindheit an gewohnt zu arbeiten.

„Wissen Sie, ich lebe allein." Mit einem alten Cockerspaniel. Mann und Sohn leider schon verstorben, keine sonstigen Angehörigen. Die Nachbarn, eine Jungfamilie mit zwei kleinen Kindern, haben einen Schlüssel zu ihrem Haus.

Mit dem gesunden Arm kramt sie einen Zettel mit Telefonnummer aus der Tasche. Ich wähle und drücke ihr das Handy in die Hand.

Die Nachbarin ist offensichtlich bereit, sich um Hund und Haus zu kümmern. Das Gespräch dauert länger, Frau S. hört hauptsächlich zu, bedankt sich mehrmals. Als sie mir das Handy zurückgibt, atmet sie erleichtert auf. Das Problem ist gelöst. Der Hund wird versorgt! Alles andere ist nicht so wichtig.

Wir sind gerade im Lift unterwegs in Richtung Station, als mein Handy läutet. Eine quirlige Stimme ist dran.

„Ich bin die Nachbarin. Ich weiß, Sie dürfen mir keine Auskunft geben. Aber ich wollte ihnen nur sagen, Frau S. soll solange im Spital bleiben, wie nötig. Sie soll sich keine Sorgen machen, wir kümmern uns um alles. Sie hat schon so oft auf die Kinder aufgepasst, da tut es richtig gut, dass wir auch einmal was für sie tun können! Ich bringe ihr dann gleich die Sachen, die sie braucht. Richten Sie ihr das bitte aus, ja?“

Ein sprudelnder Quell. Und genauso erfrischend. Ich bin nicht zu Wort gekommen, aber mir ist ganz warm ums Herz geworden. Wahrscheinlich übt die Frau am anderen Ende der Leitung oft diese Wirkung auf andere aus.

Frau S. hält sich den kaputten Oberarm, lächelt ein wenig und erzählt mir, dass die Kinder tatsächlich oft bei ihr sind. „Mindestens einmal am Tag. Ich lese ihnen vor, sie erzählen mir etwas oder beschäftigen sich mit dem Hund.“

Im Kühlschrank wartet immer das Lieblingsjoghurt der Kinder. Und im Holzzaun hat sie extra ein Loch ausschneiden lassen, damit sie nicht die Straße benutzen müssen. Weil doch die Autos so schnell fahren.

Es gibt sie also doch noch, die gute alte Nachbarschaftshilfe. Wahrscheinlich sogar häufiger als man denkt? Wir könnten aber auch selbst öfters über den eigenen Schatten springen. Einfach mal anläuten. Ein paar Worte, eine Geste. Und wer weiß, vielleicht sogar ein Loch in den Zaun schneiden.

Christine J., Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin

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