Der Hilferuf

  • 446

Vor mir auf dem Hocker sitzt Mona, sechzehn Jahre alt. Beide Unterarme an der Innenseite aufgeritzt, mindestens zwanzig Schnitte. Überall an ihren Klamotten klebt Blut.

Mona hält den Kopf gesenkt, der übrige Körper gespannt wie eine Feder. Eine schwarze Strickmütze hat sie über die obere Gesichtshälfte gezogen, herunter bis zu den Nasenflügeln.

Schaut ein bisschen schräg aus – und kann Vieles heißen. Auch Gegensätzliches.

"Schaut mich bloß nicht an! Lasst mich in Ruhe!" Aber vielleicht auch: "Was muss ich noch tun, bis mich endlich jemand wahrnimmt?" Oder: "Sieht eigentlich irgendwer, was mit mir los ist?"

Die junge Frau redet kein Wort, lässt aber zu, dass ich die Wunden begutachte und desinfiziere. Einige Schnitte sind zum Nähen, die meisten kann man wahrscheinlich kleben. Ich bereite alles vor zur Wundversorgung: Instrumentenset, Hautnähte, Wundkleber.

Sie wohnt in einer betreuten Wohngemeinschaft. Nachmittags, nach einem Streit mit der Betreuerin, hätte sich Mona dann in ihrem Zimmer eingesperrt. Als die Betreuerin eine Stunde später im Bad nachsieht, zieht sich eine Blutspur von der Tür bis zur Dusche, am Waschbecken mehrere blutige Rasierklingen, und Mona auf den Fliesen, leichenblass, an die Duschwand gekauert.

Das Rote Kreuz wird verständigt, auch Monas leibliche Mutter, die unmittelbar hinterher eintrifft.

Der berühmte Hilferuf. An wen ist er gerichtet?

Vater? Mutter? Gesellschaft?

Die Mutter redet leise und eindringlich mit ihrer Tochter – auf eine warme, herzliche Art – und erklärt uns ein wenig das Familiensystem. Scheidung vor drei Jahren, Diskrepanzen mit den jeweiligen neuen Lebenspartnern der Eltern. Nun eine betreute Wohngemeinschaft. Mona ist in einer Therapie, und sie, die Mutter, geht manchmal mit.

Eine schwierige Lebenssituation, und das in einem Alter, in dem man mit sich selbst überfordert ist. Kein Kind mehr und erwachsen auch noch nicht. Die Synapsen ordnen sich neu, alles ist in Umbau.

Jetzt sitzt Mona stumm und regungslos da, als wäre sie nicht betroffen. Als ginge es nicht um sie. Vielleicht sieht sie sich ja außerhalb. Ist geübt darin, Gefühle immer so auszurichten, dass sie sie ertragen kann.

Nach der Wundversorgung verbinde ich Monas Unterarme, die sie mir wortlos entgegenstreckt.

Auch Schweigen ist eine Art der Kommunikation, damit lässt sich viel ausdrücken. Ungesagtes wiegt oft schwerer als Worte.

Kurz drücke ich ihre Hand.

Beim Hinausgehen schiebt die junge Frau, deren Stimme ich nicht kenne, ihre Haube etwas zurück und ich sehe, welch hübsches, ebenmäßiges Gesicht sie hat.

Sie versenkt sekundenlang ihren Blick in meinen. Ihre Augen, fast schwarz und mit vielen Schichten Traurigkeit. Dann wendet sie sich ab und zieht sich die Mütze wieder tiefer.

Ich suche nach Worten, die jetzt passen könnten, aber es gibt keine. Also sage ich nichts.

Christine J., Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Notfallambulanz

© Proud-to-be-a-Nurse