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Der Morgen an dem Emma starb

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Der Morgen an dem Emma starb | story.one

Es ist 5 Uhr früh als mein Handy schrillt. Zuerst will ich mir einfach nur die Decke wieder über den Kopf ziehen, doch dann überlege ich es mir anders, steige aus dem Bett und schlurfe, wie ferngesteuert, in Richtung meines Handys. Kaum habe ich den Anruf entgegengenommen, gellen mir die Schreie von Luise Müller entgegen: „Sie hat aufgehört zu atmen! Bitte tun sie was! Bitte tun sie was!“ Mit einem Schlag bin ich hellwach.

Jahrelang hatte das Ehepaar Müller verzweifelt versucht ein Kind zu bekommen. Als niemand mehr damit rechnete, wurde Emma geboren und das Glück nahm für einen Moment Platz im Leben der Familie Müller.

Seit knapp einer Woche pflege ich nun die mittlerweile 12 jährige Emma. Sie wurde zum Sterben nach Hause entlassen. Gehirntumor. Endstadium. Irgendwann wird es zu einer Lähmung des Atemzentrums kommen.

Entgegen meiner üblichen Praktik habe ich der Familie meine private Telefonnummer gegeben. Aus einem Impuls heraus, denn ich wohne gleich ums Eck. Nun der morgendliche Anruf.

Zuerst wähle ich den Rettungsnotruf, der Sanitäter am Telefon meint: „Das wird ein wenig dauern. Draußen liegt ein Meter Schnee". Dann renne ich los. Keuchend erreiche ich das Haus der Müllers, der aufgelöste Vater erwartet mich. Im Nu stehe ich im Kinderzimmer, hebe die zarte Emma auf den Boden und beginne zu funktionieren. Handgriff um Handgriff.

„Beatmen, du musst beatmen!“ hämmert es in meinem Kopf. Also tu ich, was ich tun muss, weil ich als Krankenschwester die Entscheidung über Emmas Sterben nicht treffen darf und der behandelnde Hausarzt im Vorfeld keine Worte für das Unvermeidbare gefunden hat. Ich habe jetzt eine einzige Aufgabe. Das Mädchen zu beatmen, bis der Notarzt kommt.

Während rund um mich Chaos herrscht, funktioniere ich. Ruhig blase ich dem sterbenden Kind Luft in die Lungen, obwohl ich es viel lieber einfach in meine Arme nehmen würde. Im Nebenraum schreit die aufgelöste Mutter gellend „Oh Gott, lass das nicht zu. Nimm mir nicht mein Kind. Bitte!“ Neben mir brüllt der verzweifelte Vater „Lassen Sie mein Kind in Ruhe sterben!“ und versucht mich mit aller Kraft von seiner Tochter wegzuziehen. Ich robbe mich immer wieder nach vorne zu Emma, beatme, weil ich beatmen muss und auch, weil die Mutter um das Leben ihres Kindes schreit.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, läutet es. Als der Vater die Türe öffnet, höre ich auf mit meiner Arbeit. Kurz blicke ich in Emmas dunkle Augen, nicke ihr zu, streichle ihr über die Wange und verabschiede mich, ohne zu wissen, ob sie meine kleine Geste noch wahrnimmt.

Die Sanitäter übernehmen sofort die Beatmung, während der Notarzt die Unterlagen des Krankenhauses studiert. Dann die Entscheidung. Das Beatmen wird eingestellt.

Nach endlos langen 10 Minuten hört Emmas Herz auf zu schlagen. Als ich das Rettungsteam etwas später wieder zur Türe begleite, meint ein Sanitäter: „Was für ein beschissener Start in den Tag.“

Sonja S., Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin

© Proud-to-be-a-Nurse 03.05.2019

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