Ein unvergleichbares Fußballspiel

Ich sah ihn vor einigen Jahren. Im Sommer lag er oft am Bahnhof auf einer Bank, im Winter stand er an der automatischen Türe eines Supermarktes, zitternd vor Kälte und darum bemüht, ein wenig Wärme zu erhaschen. Als Kind bin ich an ihm vorübergegangen und war berührt von diesem Ausdruck in seinen Augen, voll Traurigkeit und doch auch voll Würde. Plötzlich war er nicht mehr da. Verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Als ich einige Zeit später ein Praktikum in einem Obdachlosenheim machte, traf ich sie wieder, Menschen mit diesem Ausdruck in den Augen und lernte ihre Geschichte kennen. Einer dieser besonderen Menschen war Hubert, geboren 1963, erlebte er eine zärtliche Mutter und war stolz auf seinen Vater. Seine Kindheit war glücklich, die größte Leidenschaft: Fußball spielen. Als er 17 Jahre alt war, spielte er mit seiner Mannschaft bereits Spiele in Deutschland, Frankreich und England. Dafür brach er die Schule ab, danach auch die Lehre zum Schriftenmaler. Nach einem dieser Spiele betrank er sich und machte einen folgenschweren Fehler. Er verging sich an einer jungen Frau. Danach Gefängnis, zurück in die Freiheit, erneute kleinere Vergehen, Gefängnis, Körperverletzung an seiner Freundin, wieder Gefängnis. Insgesamt 18 Jahre seines Lebens war Hubert hinter Gittern. Irgendwann die Diagnose Schizophrenie, ein Leben als Obdachloser und Alkoholiker.

Nachdem ich nach und nach seine Lebensgeschichte erfahren hatte und die Genehmigung bekam, mit Hubert etwas zu unternehmen, schmiedete ich einen Plan. Ich wollte mit Hubert ein Heimspiel seiner „großen Liebe“ besuchen, dem Fußballclub SSG. Nie in meinem Leben werde ich den Tag dieses Spiels vergessen. Hubert im Fan-T-Shirt, aufgedreht plaudernd vor Freude in der Straßenbahn. Die abwertenden Blicke der Menschen auf den überglücklichen Mann und mich, konnten mir nichts anhaben. Als wir auch noch in der VIP-Tribüne, „bei die feinen Leit“, Platz nahmen (danke dem Club SSG für dieses Geschenk!), war Hubert fassungslos.

Er verfolgte aufgeregt das Spiel, schrie sich die Seele aus dem Leib, feuerte seine Mannschaft an und schimpfte über den Schiedsrichter. Der einzige Wermuttropfen dieses Tages: Der SSG spielte unentschieden. Trotzdem saß Hubert während der Heimfahrt still, aber mit einem Strahlen im Gesicht, in der Straßenbahn. Als ich ihm ein paar Tage später, zu seinem 55. Geburtstag, ein Bild überreichte, eine Collage aus vier Fotos von unserem Ausflug und den Eintrittskarten, meint er: „Des is mei erstes Gschenk seit i 11 Joa oid bin“.

Wir in der Pflege haben die Aufgabe, alle Menschen respektvoll zu pflegen, egal ob sie Millionäre sind oder Obdachlose, Rechtsradikale oder Marxisten, Christen oder Moslems, Mörder oder Pfarrer, alt oder jung, Frau oder Mann. Nicht immer fällt es leicht, diesem Ethikkodex gerecht zu werden. Aber manchmal ernten wir dafür auch ganz besondere Momente.

Lisa G., Auszubildende zur Fachsozialbetreuung, Schwerpunkt Altenpflege

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