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Hilferuf einer Krankenpflegerin

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Hilferuf einer Krankenpflegerin | story.one

Es ist so weit. Ich kann nicht mehr. Jetzt verzweifle auch ich, eine eigentlich hypermotivierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, an meinem Beruf.

Nein, ich verzweifle nicht an der Pflegearbeit. Die Pflege von Menschen, im Krankenhaus auf einer neurologischen Station, liebe ich sehr. Es ist mein Traumjob. Ich möchte keine andere Arbeit machen. Mit Leib und Seele bin ich diplomierte Pflegefachkraft.

Ich verzweifle an den Umständen der Pflege, an ihren Rahmenbedingungen. Sie lassen mich innerlich kapitulieren. Sie machen mich kaputt.

Es wird immer schwieriger, gegen die unfassbar überbordende Bürokratisierung in diesem Beruf anzukämpfen und sich doch ein paar wenige Minuten (!!!) den Menschen zu widmen. Ich weiß ehrlich nicht, wo wir in drei Jahren stehen werden. Ich glaube am Abgrund.

Am menschlichen Abgrund stehen wir bereits jetzt täglich. Ich habe heute schon keine Zeit mehr eine Frau, die angesichts der Todes-Diagnose ihres Ehemannes zusammenbricht, in den Arm zu nehmen oder ihr ein Glas Wasser zu bringen. Es passieren täglich (!!!) Situationen, die ich im Grunde nicht mehr mittragen kann.

Wir haben auch deshalb keine Zeit mehr für die ureigenen Aufgaben der Pflege, weil wir viel zu viel Verantwortung von den ÄrztInnen übertragen bekommen. Die aber können auch nicht anders, weil die Ärztinnen werden in den Notfallambulanzen ausgesaugt.

Gute Pflege? Sichere Pflege? Mehr als Routine, mehr als hin zur Patientin und schnell wieder weg, mehr als warm, satt, sauber geht sich nicht mehr aus.

Früher war mein Beruf erfüllend. Sehr sogar. Heute aber gehe ich vielleicht einmal pro Monat nach Hause und denke mir: „Ja, heute habe ich so gearbeitet, wie es eigentlich sein sollte. Heute bin ich mit meiner Arbeit zufrieden.“

Ein Beispiel: Auch im Krankenhaus haben wir immer mehr Menschen mit Demenz. Wir stellen ihr Bett auf den Gang, weil sie im Zimmer den Nachbarn stören würden. Am Gang aber irritiert sie unser Herumgehen und das permanente Licht hindert sie am Schlafen. Sie werden dadurch ruhelos, schreien, rufen, ziehen sich nackt aus. Was passiert dann? Richtig! Sie erhalten Beruhigungsmedikamente! Wenn ich aber, erfahren in der Pflege von Menschen mit Demenz, anbiete ein Konzept dafür zu entwickeln, wie man demente Menschen auf der Station und im Krankenhaus besser versorgen könnte, dann heißt es: „Kein Geld.“

Es ist zum Weinen.

Das Kartenhaus stürzt immer schneller in sich zusammen, und ich muss das alles hilflos mit ansehen. Dabei bin ich immer noch widerständig. Niemand steht so lange am Bett beim Patienten, wie ich. Warum ich dort am längsten stehe? Weil ich die wenigsten Pausen mache, nie rauchen gehe, kein Handy mithabe. Weil ich immer noch motiviert bin und weil ich meine Arbeit liebe.

Aber bald kann ich nicht mehr.

Es macht mich einfach kaputt.

Regina P., eine trauernde diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin

© Proud-to-be-a-Nurse 04.10.2019

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