Mit 91 Jahren endlich Prinzessin!

Was ich an meiner Arbeit im Pflegeheim besonders mag? Den Menschen zu einem guten Start in den Tag zu verhelfen! So wie heute der 91 jährigen Anna Kurz.

Frau Kurz ist vor einem Jahr gestürzt und hat sich dabei ein Bein gebrochen. Eigentlich könnte sie schon wieder alleine aufstehen, aber ihre Angst vor einem neuerlichen Sturz ist zu groß. Also liegt sie wartend im Bett, blinzelt uns aber fröhlich entgegen. Ihre Lebensfreude begeistert mich. Schon seit sie Dreißig ist, leidet Anna Kurz an chronischer Polyarthritis und hat starke Schmerzen. Doch sie trotzt bis heute diesem Umstand mit Lebensfreude.

Ich unterstützte Frau Kurz heute beim Aufstehen und Duschen, beim Abtrocknen und Eincremen des Körpers, versorgte sie mit Inkontinenzmaterial und half ihr beim Anziehen der Unterwäsche. Danach schritt sie, mit Hilfe eines Rollators, zu ihrem riesigen Kleiderschrank, der für das Zimmer eines Pflegeheims eigentlich überdimensioniert ist.

Als Anna Kurz bei uns im Heim einzog, haben wir viele Gespräche mit ihr geführt. Dabei erzählte sie uns oft weinend, dass sie als letztes von 12 Kindern geboren wurde und nie neue Kleidung bekam. Immer hätte sie die Kleider der Geschwister, auch die der Buben, auftragen müssen. Dafür erntete sie viel Gespött. Auch in ihrer Ehe wurde sie modemäßig knapp gehalten. Ihr, mittlerweile verstorbener, Ehemann war krankhaft eifersüchtig und fühlte sich ihrer nur sicher, wenn sie „in Sack und Asche“ herumlief.

Im Pflegeteam haben wir aufgrund dieser Geschichte beschlossen, dass sich Frau Kurz bei uns jetzt jeden Tag wie eine Prinzessin fühlen darf.

Sorgsam wählte Anna Kurz dann auch heute Morgen ihre Garderobe aus. Einen türkisen Glockenrock, eine hellgrüne Bluse mit großer Schleife, eine lilafarbene Strickjacke, dazu eine Perlenkette. Danach nahm sie Platz vor ihrem Kosmetiktisch.

In den Zimmern der anderen Bewohnerinnen stehen meistens alte Kommoden mit Fotos von Kindern und Enkelkindern drauf. Nicht so bei Anna Kurz. Im Zentrum ihres Zimmers stehen der riesige Kleiderschrank und ein Schminktisch.

Nun das zweite Morgenritual: Haare und Makeup! Ich kämmte ihr das dünne Haar, toupierte es und fixierte es mit einer großen Portion Haarspray. Danach tuschte ich ihr die Wimpern, zog ihr die Augenbrauen nach, gab einen Hauch Rouge auf ihre Wangen und rosafarbenen Lippenstift auf die Lippen. Während des Schminkrituals lief Musik von Zarah Leander, die wir beide sehr mögen. Wir hörten „Nur nicht aus Liebe weinen“ und trällerten gemeinsam „Kann denn Liebe Sünde sein“. So fängt der Tag gut an! Für Frau Kurz, aber auch für mich. Ich mag unser Morgenritual.

Danach stellte ich mich an die Zimmertüre. Anna Kurz blickte noch ein letztes Mal prüfend in den Spiegel, dann fuhr sie mit dem Rollator in meine Richtung und ich fragte: „Bereit für den Tag?“ Frau Kurz drückte ihren Rücken durch, richtete sich merklich auf und meinte mit einem Augenzwinkern: "Bereit!"

Lea M., Pflegeassistentin in einem Seniorenheim

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