Eine Reise zurück ins Leben

Bis zu ihrem 89. Lebensjahr lebte Annemarie B. in ihrer eigenen Wohnung. Doch dann stürzte sie und erlitt dabei eine komplizierte Oberschenkelhalsfraktur. Ihre Lebenssituation änderte sich dramatisch. Sie kam direkt vom Krankenhaus ins Pflegeheim.

Als ich Annemarie B. kennenlernte, war sie bereits seit drei Wochen bettlägerig. Doch der Sturz hatte sie nicht nur körperlich zu Fall gebracht, auch ihr Innerstes war völlig aus dem Lot. Sie hatte alles verloren, was ihr wichtig war: Ihre Selbständigkeit, ihre Wohnung in der sie 40 Jahre lang gelebt hatte, die Möbel, den geliebten Blick aus dem Küchenfenster.

Wenn wir unsere neue Bewohnerin ansprachen, reagierte diese nur mit einem müden Blick, sagte "Lasst mich, ich will sterben", schloss die Augen und schwieg.

Doch so schnell gibt eine Altenpflegerin nicht auf! Schritt für Schritt baute ich Kontakt zu Annemarie B. auf, Tag für Tag erfuhr ich ein kleines Stück mehr aus ihrem Leben. Irgendwann fragte ich sie spontan, ob es etwas gäbe, was in ihr den Wunsch auslösen würde, doch noch einmal das Bett zu verlassen. Die Antwort erfolgte prompt: „Ja, meinen Sohn sehen und die Enkelkinder!“

Die nachfolgende Recherche ergab, dass der Sohn vor 15 Jahren nach Irland ausgewandert war und Annemarie B. ihn seitdem nicht mehr gesehen hatte.

Also beschloss ich diesen Sohn anzurufen, ihm vom Wunsch der Mutter zu erzählen und war sicher, er würde ihn ihr erfüllen. Doch mein Anruf war ernüchternd. Der Sohn erzählte, bei der Auswanderung wäre alles schiefgelaufen was nur schieflaufen konnte. Er und seine Familie kämen finanziell kaum über die Runden, einen Flug könne er sich nicht leisten und deshalb hätte er auch seine Mutter nie besucht.

Als ich dem Pflegeteam davon erzählte, beschlossen wir aktiv zu werden. Wenn der Sohn nicht kommen kann, dann muss die alte Dame eben zum Sohn! Rasch war ein Sponsor gefunden und auch der Sohn war bereit, die Mutter für einige Tage aufzunehmen.

Als wir Annemarie B. von der geplanten Reise erzählten, war sie zuerst skeptisch. Doch wir Pflegepersonen versprühten einfach weiter positive Energie. Und siehe da, Annemarie B. kroch langsam aus ihrer inneren Höhle. Sie begann ihre Bewegungsübungen zu machen, ging mit uns in Kontakt, startete mit der Reisplanung.

Vier Wochen später begleitete ich unsere, mittlerweile wieder mobile Bewohnerin Annemarie B. nach Irland. Ihr Staunen, sie erlebte den ersten Flug ihres Lebens, werde ich nie vergessen.

Nach drei Tagen flog ich nach Hause, während Annemarie B. bei ihrem Sohn und dessen Familie blieb. Als ich sie 14 Tage später vom Flughafen abholte, begegnete mir eine strahlende Frau, die lachte, viel zu erzählen hatte und sehr stolz darauf war, dieses Abenteuer gewagt zu haben.

Unsere Bewohnerin Annemarie B. lebte weitere 2 Jahre bei uns im Heim. Ihr größtes Glück war es, uns von ihrer Irlandreise und den Enkelkindern zu erzählen.

Ruth A., dipl. Gesundheits- und Krankenpflegerin, Pflegedienstleitung

© Proud-to-be-a-Nurse