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Net woana, Schwesta Lisa.

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Net woana, Schwesta Lisa. | story.one

Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie ich die berufsbegleitende zweijährige Ausbildung zur Pflegeassistentin schaffen konnte, ohne je einen Menschen sterben zu sehen. Meine Ausbildungskolleginnen erzählten nach den Praktika oft davon, wie sie im Krankenhaus oder Seniorenheim Sterbende begleitet hatten. Eine Kollegin nach der anderen wurde mit dem Ende des Lebens konfrontiert. An mir ging das Sterben aber immer vorüber, die Menschen starben vor oder nach meiner Schicht, aber nie während meines Dienstes. Wenn ich ganz ehrlich bin, war ich auch froh darum, erleichtert irgendwie. Wer ist schon erpicht darauf dem Tod zu begegnen?

Nach der Ausbildung wechselte ich in ein Seniorenheim. Seltsamerweise setzte sich meine Erfahrung mit dem Sterben auch an diesem Ort fort. Die Menschen bevorzugten es, mich mit ihrem Sterben nicht zu belasten. Sie starben zwei Stunden nach meinem Nachtdienst bei Kollegin Anna oder eine halbe Stunde vor meinem Dienst bei Pfleger Rudi. Aber bei mir starb niemand. Mehr als ein Jahr lang. Das änderte sich erst letzte Woche.

Schon als ich morgens das Zimmer meiner Lieblingsbewohnerin betrat, wusste ich, etwas hatte sich verändert. Ihr Gesicht war gleich und doch anders. Die Augen saßen tiefer im greisen Kopf, ihr Blick war verwaschen, sie erschien mir weiter weg, in sich zurückgezogen, sie atmete schwerer. Zusammen mit einer Kollegin wusch ich die Bewohnerin, danach betteten wir sie auf eine Antidekubitusmatratze, eine Spezialmatratze, damit sie nicht wundliegt. Wie jeden Morgen gab ich zwei Tropfen Lavendelöl auf einen Wattebausch und legte diesen in eine Schale auf ihrem Nachtkästchen. Meine Lieblingsbewohnerin liebte Lavendel.

Nachdem die Kollegin, sie hatte noch die Bettdecke frisch gemacht, den Raum verlassen hatte, setzte ich mich kurz zu meiner Bewohnerin. Ich war in Gedanken versunken als ich plötzlich merkte, ihre Hand sucht nach meiner Hand. Als ich meinen Blick auf unsere Hände warf, ihre knöcherne runzelige Hand voller Altersflecken sah, geschah das Unvermeidliche. Eine Woge Traurigkeit durchflutete mich und heiße Tränen liefen meine Wagen hinunter. Da saß ich, eine ausgebildete Pflegeassistentin, und weinte tatsächlich um meine Lieblingsbewohnerin. Statt sie professionell zu begleiten, war ich mit mir selbst beschäftigt.

„Net woana, Schwesta Lisa.“, hörte ich da plötzlich meine Bewohnerin flüstern. „Es is guad so. I ho a scheens Lebn ghobt. I gfrei mi iatz auf drübn.“ Dabei drückte sie mit ihren knochigen Fingern so lange tröstend meine Hand, bis ich mein Weinen beenden konnte.

Katharina K., meine Lieblingsbewohnerin, ist zwei Tage später friedlich verstorben und ich hatte die Ehre sie begleiten zu dürfen. Von ihr habe ich gelernt, dass alte Menschen mich als Menschen wahrnehmen und ich mich nicht vor ihnen verstecken muss. Ich habe gelernt, dass Bewohnerinnen viel zu geben haben, manchmal sogar noch kurz vor ihrem Tod.

Lisa M., Pflegeassistentin

© Proud-to-be-a-Nurse 17.11.2019

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