Nicht wirklich ein Notfall?

Wenn ich etwas gelernt habe in meinem Berufsleben als Pflegefachkraft, dann dies: Krank zu sein bedeutet für jeden etwas anderes. Für den einen ist ein träge arbeitender Darm Grund genug, stundenlang darüber zu lamentieren. Für den anderen ist ein Abrutschen mit der Motorsäge nicht der Rede wert, selbst wenn ein Teil des Vorfusses herunterhängt.

Ein etwa 60 jähriger Mann wird von einem jüngeren Mann auf einem unserer Sitzwagen in die Notfallambulanz geschoben. Beide Männer tragen einen blauen Arbeitsoverall und schwere Arbeitsschuhe. Beim sitzenden Mann hängt ein schmutzstarrender Schuh halb herunter, Blut tropft irgendwo heraus und eine rote Spur zieht sich über den langen Gang.

Ich bugsiere den verletzten Mann auf eine Liege, helfe ihm, den Oberkörper aus dem Overall zu schälen, lagere den Unterschenkel samt Schuh auf eine Schiene. Der Unfallchirurg beobachtet das Ganze stirnrunzelnd. „Wie ist das denn zugegangen?“

Vater und Sohn waren bei der Holzarbeit im Hochwald, erzählen sie. Extremer Steilhang. Auf Grund des Unwetters letzte Nacht war alles rutschig und matschig.

Der Vater ist während der Arbeit mit der Motorsäge abgerutscht und hat sich in den Fuß geschnitten, erzählt der Sohn in einem emotionslosen Ton. Wie es halt manchmal so zugeht bei der Waldarbeit.

Blutdruck messen, Schmerzmittel geben über die Vene. Danach entfernen wir vorsichtig den Schuh; zerschneiden ihn komplett, er ist ohnehin im Eimer.

Der Vorfuß hängt noch dran. Wir sehen mit bloßem Auge durchtrennte Sehnen und Bänder und freiliegende Knochen im Fußwurzelbereich. Also Röntgen, steriler Verband, Tetanusauffrischung und ab in den Operationssaal.

Vater und Sohn nicken nur stumm, verziehen keine Miene. Vielleicht sind sie auch nur zu geschockt. Aber Landwirte sind oft hart im Nehmen, wie wir aus Erfahrung wissen.

Dann will ich es aber doch wissen: „Jetzt sagen Sie, warum haben Sie nicht die Rettung gerufen?“

„Ach“, winkt der Ältere ab, „Die Rettung kommt doch da gar nicht hinauf, wo wir gearbeitet haben, ohne Allrad, und außerdem soll sie frei bleiben für wirkliche Notfälle.“

„Ist eh gut gegangen mit dem Jeep“ sagt der Sohn. „Außerdem liegt das Handy zu Hause am Küchentisch.“

Während der diensthabende Arzt alles für die OP organisiert, bringe ich den Patienten auf die Station und entferne anschließend notdürftig die Blutspur am Gang, damit nicht irgendwer hineinlatscht und womöglich ausrutscht, bis die Dame von der Putzfirma Zeit hat, aufzuwischen. Die Spur reicht hinaus bis auf den Parkplatz.

Im Behandlungsraum liegen Fichtennadeln und Laub verstreut. Ich desinfiziere alle benutzten Flächen und entsorge die gebrauchten Instrumente. Zur Abwechslung duftet es einmal nach Sägemehl und Harz und auch ein paar Ameisen klettern gerade verwirrt über die Liege – wahrscheinlich suchen sie ihre Artgenossen, von denen sie so abrupt getrennt wurden.

Christine J, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Notfallambulanz

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